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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 181

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die Überschätzung der Diplomatie in ihrer Wirkung nach innen
Date
1921-01-01
Page
181 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN DIE ÜBERSCHÄTZUNG DER DIPLOMATIE IN IHRER WIRKUNG NACH INNEN Martin Buber hat den neuen Jahrgang des „Juden** mit einem Aufsatz eingeleitet, der die verderblichen Wirkungen einer überschätzten Diplomatie auf politischem Gebiete aufdeckt und ihren bösen politischen Folgen nachgeht Mir scheint, daß Bub er hier wirklich die schwächste Steile der jüdischen Regenerationsbewegung in ihrer heutigen Form aufgespürt und damit den Weg zu einer Gesundung eröffnet hat, deren segensreiche Folgen man in diesem Augenblick nur ahnen kann, Soll diese Gesundung auch wirklich eintreten, dann muß das innerste Wesen dieser überschätzten Diplomatie bloßgelegt werden, nicht zum geringsten deshalb, damit auch diejenigen Wirkungsgebiete dieser irrigen Einstellung erfaßt werden können, die dem geistigen Auge verborgen bleiben, wenn man nur ihre unmittelbar zu Tage tretende Erscheinungsform zu erfassen vermag. Für Buber ist die falsche Einstellung der zionistischen Führer ein Fehler des Intellekts oder noch mehr ein Fehler der politischen Intuition. (Einer Intuition im Sinne Bergsons.) Für die Fehler der zionistischen Außenpolitik, mit denen sich Buber befaßt, ist diese Auffassung vollkommen hinreichend und die Beschränkung auf sie trägt sicher nicht wenig zu der verblüffenden Klarheit von Bubers Argmentationen bei. Wollen wir aber die Wirkungen der überschätzten Diplomatie auf die jüdische Innenpolitik verfolgen, dann müssen wir den Mangel an richtiger politischer Intuition auf noch zentralere Gebiete der jüdischen Volkspsyche zurückführen. Wir können das am ehesten, wenn wir den heutigen Seelenzustand des jüdischen Volkes einmal genetisch, d.h. geschichtlich betrachten. Die ganze Existenz des jüdischen Volkes in der Galuth ist im Grunde auf das Diplomatisieren gestellt Wenn es Aufgabe der Diplomatie ist, die vorhandenen Kräfte so vorteilhaft als möglich auszunützen, so mag eine Diplomatie, die keinerlei ernste Kräfte in die Wagschale werfen kann, zum Diplomatisieren werden. Die historische Form des jüdischen Diplomatislerens ist die „Epitropsut", d. h, die Bevormundung geworden» Nicht als Vertreter des Volkes traten seine Mittler vor die anderen Völker, sondern durch persönliche Beziehungen suchten sie die Lage des Volkes zu verbessern« Und vielleicht wird die ganze Unnatürlichkeit des Galuthdaseins klar, wenn wir das Wirken all der Epitropslm, des Isaak Abravanel, des „Herzogs von Naxos" Don Joseph Nasl, des Menasse ben Israel, des Baron Hirsch und all der anderen Kleineren mit den Worten formulieren: Sie lösten sich vom Volk, um dem Volke zu helfen. Und wie das Wesen der Galuth sich von Jahrhundert zu Jahrhundert Intensiviert hat und immer krasser geworden ist, so ist auch dieser Widersinn Immer schärfer zu Tagegetreten, bis in unseren Tagen sogar die Bewegung, die sicherlich, als Idee wenigstens, die Galuth verneint, bis selbst der Zionismus das Prinzip akzeptiert hat, sich vom Volke zu lösen, um ihm zu helfen. Das Volk aber jauchzt und jubelt dem zu» Es will nicht selbst für seine Interessen ein» stehen, es will keine Führer, die das Sprachrohr des Volkes sind, es will Epitropsim, die durch persönliche Beziehungen Vorteile verschaffen, die das Volk unbesehen hinnimmt, wenn es sich nur selbst nicht einsetzen muß. Sicherlich sind Ansätze eines neuen, gesunden Volksbewußtseins vorhanden. Zwar haben Welzmann und Sokolow zu sehr mit

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