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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 179

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Gespräche mit Berdyczewski
Date
1921-01-01
Page
179 (sequence 6)
Language
German
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Gespräche mit Berdyczewskl 179 Denn hier ist der Schlüssel zu Deiner verschlossenen Persönlichkeit, zu mancher Deiner Dunkelheiten und Unbegreiflichkeiten. Und hier ist ein leiser Hauch vom Leben und Leiden unseres zerrissenen Geschlechts. 6. Der Sommer 1897 war der reichste und bewegteste, den wir zusammen verleben durften. Erschöpft von einer langwierigen Krankheit kamst Du zu mir nach Djakovar, in meine friedliche Einsamkeit, wo wir unsere literarische Offensive vorbereiteten. Jener denkwürdige Sommer, ausgefüllt mit Arbeit für den ersten Baseler Kongreß, brachte zugleich den Durchbruch des Junghebräertums (vgl. Ehrenpreis, Die Welt, Jahrg. I, Nr. 7). Die Fehde der „Jungen" mit Achad-Haam (im Haschiloach, Bandl, 1896—1897) war in all ihrem Überschwang ein klärendes, ich darf vielleicht sagen: ein entscheidendes Ereignis. Junge Hände haben mit kräftigem Griff im uralten Buche der hebräischen Literatur ein neues Blatt aufgeschlagen. Unser jugendlicher Übermut dekretierte: Hier und jetzt beginnt eine neue Epoche. Es hat eine neue Epoche begonnen. Du gabst mit Deinem offenen Brief an Achad-Haam den Auftakt („AI ParaschatDerachim", Haschiloach 1,154). Es folgte Thon mit dem Offensivstoß „Sifrut leumit" (abgedruckt in seinen soeben erschienenen „Ketawim", S. 9). Dann kam ich mit dem programmatischen „L'on?" (Haschiloach I, 489), mit unserer gemeinsamen — wohl etwas vorlauten — Ankündigung einer geistigen Revolution, „Mahapecha ba-ruach". Deine, unsere Auflehnung galt der Zweiteilung in jüdische und allgemeinmenschliche Lebensinhalte; Du willst die Synthese, den jüdischen Menschen. Jene Auflehnung galt der Kunstfremdheit, der einseitigen Geistigkeit. Du sagst in Deinem offenen Briefe: „Sie sind zu viel Denker, Herr Achad-Haam! Sie wollen nicht einsehen, . . daß der Bestand des jüdischen Volkes mehr von der Poesie als vom Gedanken abhängt. Wenn schwarze Gedanken und Verzweiflungstimmungen über uns kommen, wird die Poesie unseres ehrwürdigen Alters uns zu uns selbst wieder zurückführen". Und am Schlüsse rufst Du proklamatorisch:w Als einer der Jungen glaube ich Ihnen heute in ihrem Sinne zuzurufen: Zu eng ist uns der Raum! . . . Wir wollen jüdische Menschen sein, ungeteilte, ganze. Wir wollen unseren furchtbaren inneren Riß heilen, der schwerer auf uns lastet als der äußere . . . Unsere Stunde ist gekommen: wir wollen unseren Weg gehen, den Weg ins Freie. Wir sind lange genug am Scheidewege gestanden!Ä Diesen Scheideweg ins Freie wollten wir an jenem blütenreichen, vorbasier Sommer betreten. Du versuchtest, selbstschöpferisch Ernst zu machen mit Deiner Forderung. Auf der leidenschaftlichen Suche nach beseeltem Judentum stießest Du auf den Chassidismus, das unauslöschliche Erlebnis deiner Jugend, und Du sangst in einer ätherreinen Prosa von wundervollem Rhythmus. Dein chassidisches Lied („Sefer Chassidim", Warschau 1900), — wie Du nachher in der gleichen Wegrichtung die altjüdische Sagenwelt neu entdecktest. Zu

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