Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Gespräche mit Berdyczewski
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 180 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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i8o Markus Ehfen preis: Gespräche mit Berdyczewskl gleicher Zeit suchten wir unseren gemeinsamen Weg zur Verwirklichung. Nachdem wir miteinander völlig im Reinen waren, beschlossen wir in Djakovar die Gründung eines hebräischen Buchverlages „Techija" (vgl. unseren gemeinsamen Aufruf, abgedruckt Die Welt, Jahrg. I, Nr. 16). 7- Der Versuch mißglückte. Diskret sprichst du davon (in „Daneben"): „Eine gemeinsame Lebensarbeit schwebte ihnen vor, eine Art Renaissance ihres Volkes, und dann kam es daß sie auseinander mußten". Es geschah ohne Bitterkeit: damit ist über die persönliche Seite alles Sagbare gesagt. Doch sachlich darf ich hinzufügen: Jener gemeinsame Offensivstoß war nicht vergebens. Er hinterließ lebendige Spuren in der hebräischen Literaturen twicklung der letzten zwei Jahrzehnte. Unsere Forderungen sind nicht mehr von der Tagesordnung verschwunden: alles Gesunde und Lebensfähige, das seither im Hebräischen geschaffen wurde, allem voran die aufblühende junghebräische Lyrik, stand irgendwie im Zeichen jener literarischen „Revolution". Du hast seither beharrlich diese Gedanken verkündet („Ba-erew", 1910; „Ba-schiro u-baloschon", 1910; „Pri sefer", 1911; Schriftenreihe Ausgabe „Zeirim", 1899—1910; u. a.) oft einseitig, manchmal unklar, doch immer ehrlich. Niemahd konnte seither an diesem starken Willen zur Synthese achtlos vorbeigehen; wenn auch vieles von dem, was wir damals wollten, noch der Verwirklichung harrt. Das einsame Rufen ermüdete Dich doch im Laufe der Jahre. Als ich Dich im Vorkriegsjahre in Deinem stillen Heim in Friedenau aufsuchte, fand ich Dich verdrossen und mutlos. „Ich werde nicht mehr Hebräisch schreiben", sagtest Du mir damals. Dunkel sprachst Du von einem großangelegten Bibelwerk, das Dir — wohl im Zusammenhang mit Deinen jüdischen Sagenbüchern — vorschwebte. Du bist doch zu deiner ersten Liebe zurückgekehrt; deine hebräische Feder hat uns in den allerletzten Jahren epische Schöpfungen von Rang geschenkt, allen voran den noch nicht fertiggedruckten Roman „Mirjam" („Hatekufo« Bd. X. XI), 8. Mich quält das bestimmte Gefühl: Du hast dein letztes Wort nicht gesprochen. Oft hast Du, mündlich und brieflich, Worte fallen lassen, die wie Scheinwerfer in schier unheimliche Tiefen wiesen. Du bist nicht in der Sackgasse Deiner Jugendauflehnung stecken geblieben. Neue Wertungen dämmerten in Dir. Doch dein letztes Wort blieb ungesagt.