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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Gespräche mit Berdyczewski
Date
1921-01-01
Page
178 (sequence 5)
Language
German
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178 Markus Ehrenpreis: Welt und die ist meine Welt, in der ich mit allen meinen Seelenkräften lebe." Es sind echte Seelenseufzer, wenn Du hier von ^der femgen FuTttit Tor €em Unbesfimmten^ sprichst und das Selbstgeständnis hinzufügst: „Es macht ihn (den Menschen) unglücklich, das Nichtwissenkönnen dessen, was er wissen soll, zu erkennen wünscht . . . Der Mensch umfaßt die ganze Welt als etwas, was ihm persönlich sehr nahe steht". Es war der tragende Gedanke Deiner Lebensanschauung, was Du am Schlüsse aussprichtst: „Im Grunde ist das ganze Zerspalten des Menschen in eine ethische und ästhetische Seite ein rein willkürliches und unhaltbares. Es gibt nur ein inneres Leben im Menschen, dessen Wurzeln sich jenseits seines individuellen Daseins befinden". Es waren köstliche, zukunftsschwangere Vorfrühlingstage, die wir in Bern verlebten, dort oben auf der Terrasse von Kirchenfeld, von wo man einen Schimmer der Alpen sieht. Und als Du mir die wohlgenährten Bären zeigtest, deren Geschlecht dort seit Jahrhunderten fast religiöse Verehrung genießt, ging uns ungewollt der groteske Gedanke auf, ob nicht das ganze altgewordene Judentum, das wir verjüngen wollten, diesem Bärengraben gleiche, wo bloß aus pietätvollem Eigensinn Altgeheiligtes auf Volkskosten gefüttert wird... 5- . Ein Jahr später kannst Du zu mir nach Lemberg, wo Du nach zehnjähriger Vereinsamung wieder einmal an einem Sedertisch das Freiheitsfest mitfeiern konntest. Diese „Heimkehr" tat Deiner wunden Seele so wohl. In Deiner deutschgeschriebenen Novelle „Daneben" (1897), der persönlichsten, die Du geschrieben, schilderst Du diese „Heimkehr" mit ergreifenden Worten: „Wie der verlorene Sohn nahte er sich den engen Zelten seiner Väter. Ihm kam alles so sonderbar vor, das Ferngerückte trat nah, und doch schien alles fremd und unnahbar . . . Alle gehen ihre alten Wege weiter. Der Druck der Jahrhunderte liegt in der Luft, niemand schaut zur Sonne." Und dann der Sederabend! „Durch alle Gesichter strahlte etwas Unsichtbares; etwas von der Majestät einer großen Vergangenheit . . . man fühlte auf einmal die Einheit der Jahrtausende, die Stimmung eines alten Volkes bei seinem letzten Erwachen." Hier hast Du Deine ganze innnere Geschichte, Deine furchtbare Lebenstragik bloßgelegt, indem Du mit schlichten Worten, die man Dir glaubt, von Deinem nächtlichen Rundgang durch die feiernde Judengasse erzählst: „Er setzte sich ermüdet auf die Steintreppen eines alten Bet-Hamidrasch. Wie zum Weinen kam es über ihn .... Er hatte alte Bande zerrissen und war in die Ferne gezogen . . . Und was hat er erreicht? Alles, was er verloren, lebte weiter . . . und er blieb ein Fremder . . . Alles zerfloß vor dem Hauch der unzerstörbaren Heimat, vor dem großen Schmerz der Jahrhunderte . . . Alles war eine Wüste, nichts war mehr da; der Himmel war erloschen." Diese kleine Erzählung war eine Entladung; eine Beichte, mit Herzblut geschrieben. Sie dürfte in Deinem hebräischen Gesamtwerk nicht fehlen.

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