Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Gespräche mit Berdyczewski
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 177 (sequence 4)
- Language
- German
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Gespräche mit B.erdyczewskI 177 habt Ihr geschrieben, Bücher ohne Zahl» doch ich glaube nicht mehr an Euch und an Eure Bücher^, So kamst du, scheu und einsam, in unseren gährenden Berliner Kreis. Wir'waren ein winziges Häuflein Erwachender: Thon, Frisch, Neumark, ich und manch anderen Wir waren alle vergangenheitskrank und unsere Seele schrie nach einer Zukunft, an der wir . gesunden wollten. Alles in uns litt am Judentum, an seiner inneren Erniedrigung noch mehr als an seiner äußeren. Die achtziger Jahre mit den russischen Pogromen, mit dem westeuropäischen Antisemitismus, mit der kopflasen Judenwanderung lasteten schwer auf unseren jungen Sinnen. Das innere jüdische Leben erschien uns in allen Teilen trostlos verkümmert. Die hebräische Literatur zumeist lebensfremde Spielerei maskilischer Dilettanten; die jüdische Wissenschaft im Wesen blutleere, zukunftfremde Wortklauberei; der Kattowätzer -Chowewezionismus zum Weinen erbärmlich, mit allen Verwachsenheiten des Golus behaftet. Wie oft haben wir, Rerdyczewski, in Deinem sauberen Dachstübchen unsere jungen Köpfe an dieser Mauer wundgeschlagen. Glaubensstark erhoben wir unsere Hände zum Rütlischwur: wir wollten reinen Tisch machen, alles von neuem anfangen, lebendiges Judentum von Grund aus neubauen. So erstarkte unsere Gemeinschaft innerlich; eine gemeinsame Lebensaufgabe winkte uns. 4- Das Leben trieb uns auseinander, doch der Imperativ unserer gemeinsamen Aufgabe führte uns immer wieder zusammen. Mitte der neunziger Jahre kam ich zu Dir nach Bern, wo Du heftiger als je mit dem Weibe zusammenstiessest. Hier fandest Du einen Hauch jenes kaum deflnirbaren „Chajim'S von dem Du träumtest Scheu und staunend standest Du vor "dem Weibe, es lag wie mystische Weihe über Deinem Weibgefühl; Du wurdest, in gewissem Sinne? der Entdecker des Weibes in der junghebräischen Dichtung, Deine novellistischen Bekenntnisse „Machnajim" (1899), „Orvo porach" (1900), u, a., reden ein neues, umwertendes, irdisches Hebräisch. Doch kein unheiliges, auch kein fremdes. Über deiner keuschen Erotik (jüdische Erotik!) liegt ein Hauch von unserem Schir-Haschirim, sie wirkt auf mich reiner noch als die fromme Erotik unserer ersten spanischen Dichten Ganz biblisch träumst Du (in S)Machnajimtt) von einem freien Leben zu zweien, fern vom Judentum und Kultur, als ob Du nie gelernt und nie Gebete gesprochen hättest; unmittelbar erlebst Du Gott in* Dir und um Dich und aus Baumzweig und Bach erklingt Dir der Widerhall der Schechina* Doch Deine heftigste Liebe war der Gedanke. Als frommer Erotiker grübeltest Du in Bern über das Verhältnis des Guten zum Schönen und Deine Doktorschrift („Über den Zusammenhang zwischen Ethik und Aesthetik", Bern 1897) war Dir zutiefst Herzenssache, Wie das Meiste, das Du geschrieben, war im Grunde auch diese Prüfungsschrift ein Bekenntnis, ein persönliches und ein jüdisches. Du, der Zerrissene, suchtest auch hier innere Einheit: „Ich kann nicht zugleich zwei Welten angehören. Es gibt nur eine