Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Gespräche mit Berdyczewski
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 176 (sequence 3)
- Language
- German
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i?6 Erlösung. Man hat Deinem Werke die Etikette: Europäismus oder gar: Nietzscheanismus aufgeklebt. Wie mißverständlich! Du wolltest Menschentum, gesittetes, beseeltes, schönheitsumstrahltes Menschentum, anstatt der sittenverwirrten, entseelten* grauen „GasseDu wolltest leben („Chajim" ist das Wort, das in Deinen Schriften am häufigsten vorkommt), volles, wirkliches, und vor allem freies Leben, Leben von dieser Welt, anstatt des traumhaften, gebundenen Scheindaseins in Normen und Büchern. Schon in dieser Erstlingsschrift stehen die kühnen Sätze: ,?Die Anbetung des Westens ist eine Nichtigkeit, verglichen mit dem Menschlichen an sich. Nicht Bildung ist Hauptsache, sondern die Tat, das sittliche Besserwerden , . * Unsere Literatur hat nichts getan, um den Unrat unserer Herzen zu reinigen. Sie kümmerte sich bloss um die Gesamtheit und bloß um die Außenseite, nicht um den Einzelnen und nicht um sein Innenleben. Sie wollte uns zu erzogenen, wissenden Mitgliedern der Gesellschaft machen, nicht zu beseelten Menschen die Gott im Herzen tragen. Ihr Gegenstand war Thora, Wissenschaft, Geschichte, Nationalismus -— doch den Menschen selbst ließ sie unbeachtet und ungepflegt bei Seite/* Das war dein erstes Wort. Es blieb der ständige Text Deiner Lebenspredigt. Du hast im Grunde in Deinen fünfundzwanzig Bänden, immer stärker und reifer und in allen literarischen Formen, die Du beherrscht, beharrlich uud fest dieses Wort in unsere schwerhörige Judenwelt hineingerufen: Werdet frei, werdet wirklich, werdet Menschen! 3> Wie lichtumflossen waren doch, Berdyczewski, jene wonnigen Berliner Jahre des gemeinsamen Aufsteigens S Mitten in unserem zukunftsreichen Kreise trugst du schon eine Vergangenheit auf deinen schwachen Schultern. Es war die alte Ghettotragödie, die Dir „just passieret", die Tragödie Deiner engeren Landsleute Salomen Maimon und Lilienblum und tausend Namenloser, und das Herz brach Dir entzwei. Hinter Dir lag die Märchenwelt Deiner Jugend: das Paradies Deiner glücklichen Ehe, aus dem Du Dich selbst vertrieben; Deine maskilischen Irrwege in Odessa; Deine gescheiterten Breslauer Versuche als Buchbindergehilfe und Kunstakademieschüler. Ergreifend erzählst Du Dein Jugenderlebnis in der kleinen Novelle „Me-ewer lanohor" („Mibajis u-michuz'S 189g), für mich die anziehendste, die Du je geschrieben. Welche symbolische Weite und Allgemeingültigkeit in dieser fast autobiographischen, zusammengepreßten Icherzählung. Das ganze Ringen der Judengasse lebt darin, die Auflehnung der Söhne gegen die Väter, das schmerzliche Erwachen eines neuen Judengeschlechtes, das den Büch erstaub der Jahrhunderte von sich abschüttelt, das zu fragen und zu zweifeln beginnt und das von einer verzehrenden Sensucht nach Licht und Luft gepackt wird. Diese neuen Juden, die Blutsverwandten von Brandes' Schemuel, von Lilienblums Zelofchod, von Feierbergs Nachman, sie alle sprechen hier aus Dir: „Ich fange an zu hassen » . * zu eng wird es mir hier ♦ * * Bloß Bücher