Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Gespräche mit Berdyczewski
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 175 (sequence 2)
- Language
- German
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Gespräche mit Berdyczewski 175 Du jza uns gekommen mtd wie Du-seben uns Umhergegangen bist. Denn Du warst ein Stiller und Deine Lebensmusik tönte nach innen. Mitten in dieser tiberlauten Zeit und mitten in unserer sinnlos lärmenden Judenwelt bist Du lautlos wie auf Seidenstrümpfen Deinen einsamen Weg gegangen. Du liebtest die abendstillen Seitenwege, die gedämpften Gespräche mit gleich gesinnten Freunden, die leise tiberredenden Bücher. Jedem Geschrei bist Du in weitem Bogen ausgewichen. Alles Massige, Herdenmäßige, Kompakte war Dir wesensfremd, Du warst ein Beseelter und Deine Glut loderte unsichtbar. 2. Jetzt sehe ich Dich hier neben mir, wortlos, ruhig, fast heiter. Wie wenn Du mit mir noch einmal unser gemeinsames Erlebnis durchleben wolltest. Was war das doch für eine reiche, beglückte Zeit, da wir beide ein gut Stück unseres Weges zusammengehen durften, zwei junge, tapfere Bilderstürmer. Wie leicht war es da, einsam zu sein zu zweien; wie leicht war es da, unsere Judenwelt in die Schranken zu fordern, Arm in Arm mit Dir. Lebendig steht vor mir jener heilige Frühling unseres Anfangs, da sich zuallererst unsere Lebenswege kreuzten: wie wir engverschlungen, stürmend und drängend, uns zum Angriff gegen die morsch gewordene Festung der hebräischen Haskala aufmachten, gegen die weltfremde, seelenlose, papierene Meliza, die Leben und Schrifttum unserer Gasse erfüllte; wie wir dann, des Stürmeris satt, jeder seinen eigenen Weg suchend, nur noch nebeneinander gingen. Doch nie gegeneinander! Du lächelst zustimmend, und ich will es heute deutlich aussprechen: Nie gegeneinander. Denkst Du noch an unsere erste Begegnung an jenem studentischlärmenden Berliner Vereinsabend, vor dreißig Jahren? Es war etwas Eigenes an Dir: eine Mischung von Schüchternheit und Trotz; von jener unbestimmbaren Golusfarbe und glattgescheitelter Blondheit; und von Deinen zusammengepreßten Lippen strömte schweigende Beredsamkeit. Du warst mir nicht fremd. Deine leidenschaftliche Anklageschrift mit dem kaum übersetzbaren * Titel: „R'schus ha-jochid bead r'schus ho-rabim" (in Gräbers Jahrbüchern 1892) weckte meine Neugier; ich mußte aufhorchen. Diese Schrift war literarisch gewiß kein Meisterwerk; ein Schulmeister würde sie kaum als einwandfreies Gesellenstück gelten lassen. Sie war formlos, überladen, stellenweise kindisch. Aber sie war mehr als Literatur, sie war der erlebte Seelenschrei eines zuinnerst glühenden Temperaments, der kühne Weckruf eines Europäers. Und in dieser kleinen Jugendschrift steckt schon, in nuce, Deine ganze Persönlichkeit, trotz aller späteren Wandlungen und Erneuerungen. Alles Gute und Starke, das in Dir lebte, ist hier schon keimhaft zu spüren: Deine Kraft, alles in Frage zu stellen; Deine Auflehnung; Dein Lebenshunger; Dein sittliches Pathos. Und hier ist auch keimhaft Dein zentraler Gedanke zu lesen, heute zeitgemäßer noch als damals, der Gedanke von der Erlösung des jüdischen Menschen, von der inneren