Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die orientalische Metapher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 173 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die orientalische Metapher 173 Variation und Parallelismus. Der Zweizeiler und der Vierzeiler: der Parallelausdruck in zwei Halbsätzen ist die ursprüngliche reinste Form der Lyrik — was hinzukommt, ist wiederholende einprägende Variation und Refrain, im Sonett ebenso wie im primitivsten Volkslied. Das wesentliche im lyrischen Lied ist immer nur e i n Bild, ein Wort, eine Regung; der Rest ist der Körper, der dem lebendigen Wort dient — kurz: „wirkungsvolle Rhetorik"! Man sagt „Rhetorik" und glaubt ein abfälliges Urteil eindringlich ausgedrückt zu haben. In Wirklichkeit aber gibt es eine hehre Rhetorik, die vom wahrhaftigsten Leben durchglutet ist und, im Gegensatz hierzu, eine totgeborene. Wo ein Abendländer rhetorisiert, kann bestenfalls klug ausgesponnene, reflektierende Weisheit zum Ausdruck kommen, der Orientale dagegen glüht und lebt sein höchstes Leben in der „Rhetorik". Das prophetische Wort zeigt uns am besten, was dem Orientalen „Rhetorik" bedeutet. Omar Chajam und Dschellal-eddin Rumi waren gewiß im hohen Grade „Rhetoriker" und doch gehören diese beiden Perser zweifellos zu den größten Gestaltern des dichterischen Wortes. Jeder in Form gebannte Gedanke muß und will rhetorische Elemente enthalten; das Sonett ist rhetorisch ausgebauter lyrischer Einlall — wie übrigens jede lyrische Komposition, die mehr enthält als einige kurze Sprüche. „In zitternder Leidenschaft stürmt und überstürzt sich Hosea von Bild zu Bild und die Metaphern und gewählten Ausdrücke drängen und häufen sich. Er ist der bilderreichste unter den prophetischen Dichtern, aber er ist alles eher als schlicht, vielmehr oft formlos; eine nervöse Unruhe, eine unbezwingliche Erregung läßt es bei ihm nicht zu harmonischen, ausgereiften Gebilden kommen. So tragen seine Sprüche, die meist sehr kurze Einheiten bilden, noch stark das Gepräge des echten ekstatischen Wortes*)". — In dieser Bemerkung endlich finden wir einiges über die Ursachen der „Formlosigkeit" des lyrisch prophetischen Spruches treffend angedeutet. Diese „Formlosigkeit" ist bei den Propheten eine edle Eigenschaft, sie bewahrt in Reinheit und Wahrhaftigkeit die Urform der ekstatischen Be-; geisterung, ohne ein Mehr und ohne ein Weniger. In solchen und ähnlichen Aussprüchen nichtorientalischer Forscher sind oft durchaus zutreffende Feststellungen über das Wesen der jüdischen, semitischen oder orientalischen Dichtung anzutreffen, wenngleich in drastisch übertriebener Formulierung; doch wird die richtige Wertung und das wirklich lebendige Verständnis durch die Fremdheit und Verschiedenheit der geistigen Heimat getrübt. So wird von der jüdischen Prophetie die Erfüllung einer Poetik gefordert, die sich mit der Zeit aus der hellenisch-okzidentalen Dichtung ergeben hat, statt sie in ihrer Einzigartigkeit zu erfassen und die Gesetze ihrer Entfaltungen aus ihr heraus zu begreifen. Statt einzusehen, daß Prophetie in erster Reihe einer Mission dient, hohe Predigt ist und daß das Dichterische in ihr sich nebenbei, fast unbeabsichtigt ereignet und in dieser *) G. Hölscher: Die Profeten.