Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die orientalische Metapher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 172 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Melr Wiener: Semiten die schöpferische Gestaltungskraft der Phantasie -fehlt und damit die innere Freiheit des Geistes, die diese gewährt. In der semitischen Poesie dominiert durchaus der Verstand und die scharfe Beobachtung. Sie zeigt eine wirkungsvolle Rhetorik und ist ausgezeichnet durch Witz und Scharfsinn, aber sie wird bizarr, sobald sie sich selbst ihre Welt schaffen soll. Selbst in ihren größten Schöpfungen, Deuterojesaia und Hiob"... (Werden als „Dichtungen" hingestellt, diese gewaltig erschütternden Dokumente menschlichen Denkens, Leidens und Strebens, damit sie leichter abgeurteilt werden können!) Im ganzen enthalten diese Feststellungen viel Wahrheit, sie sind aber trotzdem falsch und irreführend; Arnos, Jeschajah, Ijob, Jirmijah und Jeschu gebricht es an Innigkeit des Gemütslebens, an Wärme der Empfindungen! Und wieder wird der Mangel an „Phantasie", womit wohl die körperlich-plastische gemeint ist, als Grund zu einer negativen Wertung festgestellt. Das Vorherrschen des Verstandes und der scharfen Beobachtung ist einfach das Charakteristikum jeder älteren, reifen Kultur, sofern sie für eine intellektualistische Phase überhaupt disponiert ist, und gilt z. B. von den Deutschen der Gegenwart nicht weniger als von den Semiten einer gewissen Geschichtszeit. Oder dominiert auch im biblischen Deborahlied, in den Mythen des Buches Bereschith der Verstand? Die „wirkungsvolle Rhetorik" wirkt gerade durch ihre „Bizarrerie", dies ist dem^ großen Geschichtsforscher entgangen — diese „wirkungsvolle Rhetorik" ist in Wahrheit nichts anderes als ein höchster Gipfel geistigen Strebens während ganzer Jahrtausende. Einerseits „bizarr", anderseits Mangel an „Phantasie", das ist eben das Eigentümliche im Wesen der Semiten, wie des Orientalen überhaupt. Noch in den Ausschreitungen der „Phantasie" herrscht eine gewisse maßvolle Ordnung, ein gewisser Wirklichkeitssinn, während sich ihrer die „bizarre Phantastik" völlig entschlagen hat. Der in seinem Denken und Fühlen von der Praxis bestimmte, primitive Abendländer schüttelt das Haupt über das Maßlose und über die völlige Zweckfreiheit im „krausen" Ausdruck der morgenländischen Geistigkeit. „Im allgemeinen ist der israelitische Geist nicht für ausgedehnte Schöpfungen begabt, die Gedichte (die biblischen) sind desto schöner, je geringer ihr Umfang ist*)". Dies trifft nicht allein für die biblische „Dichtung" zu, sondern für die hebräische Dichtung aller Zeiten, Die umfangreichen Gedichte bestehen aus aufgereihten kurzen Gedichtsprüchen, Dies gilt auch für die indische, chinesche, persische und arabische Poesie, aber auch für jede andere reine Lyrik. Es gehört dies schlechthin zur Charakteristik des lyrischen Ausdrucks. Die lyrische Regung hält eben nicht länger vor als für die Dauer von einigen Augenblicken und reicht nur für einige Zeilen. Nur die in einigen Sprüchen eingepreßte Lyrik ist" echt, ungekünstelt und ohne verbindende, nebensächliche Uebergänge. Alles Uebrige ist thematische *) Hermann Gunkel: Was bleibt vom Alten Testament?