Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die orientalische Metapher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 174 (sequence 8)
- Language
- German
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174 Mar k'u s Ehrenpreis: ihrer Spontaneität desto kraftvoller ist, sehen die abendländischen Forscher in ihr eine durch Tendenz getrübte Poesie und finden sie zu „fragmentarisch" oder „phantastisch" usw. Es kommt eben auf die Grundhaltung des Geistes an, ob er auf Zweckdienlichkeit, diszipliniert ist oder ob er unbeeinflußt von einem praktischen Zweck denken, empfinden und vorstellen kann. Die Hauptabsicht des abendländischen Denkens ist eben die messende und berechnende Fest- * Stellung im Dienste der Zweckdienlichkeit und der vorausschauenden Lebenseinrichtung. Die Plastizität des abendländischen Ausdrucks kommt aus dem Streben zur exakten Bestimmung aller Verhältnisse. Im Augenblick der hö9hsten geistigen Leidenschaft verläßt der Orientale das Gleichnis, wenngleich nicht das Bild, im Gegensatz zum Okzidentalen,. der das Gleichnis gerade damals zur Verhütung der Verworrenheit aufsucht. Der Orientale bedient sich des Gleichnisses nicht um das Geschilderte plastischer herauszuheben, sondern um dessen inneres Wesen, dessen inneren Wert durch symbolischen Gefühlsausdruck zu bestimmen. Die griechische Anthologie hat sehr oft mit persischen Kassiden Stoff und Motiv gemein, doch finden wir in der ersteren kein unanschauliches Gleichnis. „Von dem Ueberschwang orientalischer Mystik blieb man in Griechenland weit entfernt. Selbst die Ahnung des Grenzenlosen muß in griechischen Geistern sich in plastische Eingrenzung fügen*)". Der Orientale hingegen ist „träge und faul", sein Dichten und Streben ist mehr nach innen gerichtet, der Nützlichkeitstrieb ist bei ihm durch den Trieb zur inneren Schau abgestumpft. Die Unabhängigkeit von der äußeren Nützlichkeit gibt sich auch in seinen Tropen kund, sie wollen nicht veranschaulichen; in sich selber ihren Wert tragend weisen sie hinaus auf das Irrationale, das Unbedingte, auf die metaphysische Bedeutung alles Wesens, Werdens und Entwerdens. MARKUS EHRENPREIS / GESPRÄCHE MIT BERDYCZEWSKI 1. Nun bist auch Du gegangen, Du reiner, tiefer Mensch. Fort mit Deinem stillen Reichtum. Ganz leise hast Du, wie es Dein ordnender Sinn liebte, Deinen Arbeitstisch fein in Ordnung gebracht, dann nahmst Du Hut und Stock, warfst einen letzten fragenden Blick auf dieses rätselvolle Dasein, wie wenn Du noch immer den Sinn suchtest, dann gingst Du. Ganz leise hat sich die Tür des Lebens hinter Dir geschlossen. Ganz so leise, wie *) Erwin Rohde: Psyche.