Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die orientalische Metapher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 171 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die orientalische Metapher 171 Ausdrucksform der „semitischen Begabung" sind, ihr bedeutendstes Wirkungsmittel. „Unanschauliche, uferlose Phantastik" wird an ihr, wo sie schöpferisch werden will, festgestellt und gerügt. Welche Aufschlüsse gibt aber die Feststellung für die Wertung? Oder muß der orientalische Ausdruck den Forderungen der abendländisch-hellenistischen Poetik entsprechen, um nicht abfällig beurteilt zu werden? Zur Prophetie Jecheskels bemerkt derselbe verdienstvolle Forscher: „In der semitischen Dichtung sind oft bedeutende formale Begabungen anzutreffen, die dazu befähigen ein einzelnes Bild, wenn auch nicht plastisch, so doch in all seinen Details genau zu schildern, aber es bleibt arm an Gedanken und an Erfindung. Was ihr fehlt, ist der Reichtum der Phantasie und ... so ist er (Jecheskel) geneigt, seine Visionen und Dichtungen durch allerlei bunte Elemente fremder Herkunft zu beleben, die wohl phantastisch, aber nicht phantasievoll wirken"*). In einigen wesentlichen Punkt entrifft diese Beobachtung den Kern der Sache, besonders zu bemerken ist die feine Unterscheidung zwischen Phantastik und Phantasie; und doch ist der Ausspruch in seiner wertenden Absicht unrichtig. Denn warum in der semitischen Dichtung und Prophetie nach „formaler Begabung" fahnden, die nicht in ihrer Natur liegt, deren Gesetze aus einer anderen Kulturwelt hergeholt sind, warum an ihr rügen, daß sie nicht plastisch genug ist — etwa weil im Hellenismus formale Begabung mit Plastizität identisch ist? „Arm an Gedanken und Erfindung" will wohl sagen: arm an Motiven, an Phantasie diesseitiger Körperlichkeit, oder ist das prophetische Wort auch arm an göttlichen, überweltlichen Gedanken und Erfindungen, die eben den Kreis seiner eigentümlichen Begabung und Aufgabe bilden**)? „Es fehlt den Semiten" — sagt ein anderer nicht-semitischer Forscher***) — „die Innigkeit des Gemütslebens, die Wärme der Empfindung, welche den Indogermanen auszeichnet und auch bei den Ägyptern viel stärker hervortritt. Damit hängt aufs engste zusammen, daß den *) G. Hölscher: Die Profeten. **) Die Apokalypsen Jecheskels bewegen sich In lauter mystischen Gleichnissen aus funkelnden glühenden Mosaiken zusammengestellt, die Metapher in der erhabensten Funktion. Oder glaubt heute jemand noch im Ernst, daß die Visionen Jecheskels, die in der spätesten Zeit biblischen Schaffens entstanden, schon nach knapp einem Jahrhundert in allen ihren Intentionen so gründlich vergessen oder mißverstanden wurden, um ohne jeden sachlichen Anlaß, ohne innere Begründung mythische Spekulationen (der Maasse merkaba) in sie hinein- und aus ihnen hinausdeuten zu können und zu dürfen? Uns steht es außer Zweifel, daß die Seher auch der a. t. Apokalypsen ihre Bilder einerseits wörtlich, andererseits aber ebenso als Symbole hingesetzt und verstanden wissen wollten, wie es in der Folge geschehen ist. Und wer weiß, ob es sich nicht ebenso mit dem biblischen Hohelied verhält — der allgemeine Drang zu dessen Allegorisierung muß etwas bedeuten. — Wem dies unglaublich erscheint, sei zunächst auf die Trink- und Liebeslieder Hariris hingewiesen, der seine symbolischen Absichten ausdrücklich bezeugt, ferner auf unsere sephardischc Dichtung und zum Schluß auf Dantes Divina Commedia und Goethes Faust. ***) Ed. Mayer: Geschichte des Altertums Bd. x, II S. 386 (2, Auflage). 12*