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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die orientalische Metapher
Date
1921-01-01
Page
170 (sequence 4)
Language
German
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170 Melr Wiener: Trotz seiner sehr ernsten Beziehung zur orientalischen Dichtung konnte der repräsentative Abendländer Goethe ihr Eigentümliches nicht ganz begreifen. Eine Metapher wie: „Es stecken mehr als fünfzig Angeln in jeder Locke deiner Haare," findet Goethe „genießbar", denn „die Einbildungskraft hat nichts dawider, sich die Haarspitzen hakenartig zu denken". Ein weniger anschauliches Gleichnis: „In deiner Locke Banden des Feindes Hals verstrickt," lehnt er hingegen ab, weil wenn vorgestellt „es der Einbildungskraft entweder ein widerliches Bild oder gar keins" gibt. In Wirklichkeit wird in diesen Bildern nur ein Symbol angestrebt, von diesem Anschaulichkeit zu fordern heißt fast ihre Intention mißverstehen. Rückert legt sich die „Geschmacklosigkeiten" des unanschaulichen Gleichnisses in anderer Weise aus: „Der Ausdruck Hariris ist überkünstlich, voller Wortspiele und Anspielungen, übertrieben, abenteuerlich, ausschweifend, kurz alles was man da, wo es unbewußt ist und sich selber für die reine Schönheit hält, falschen oder verderbten Geschmack nennen kann. Hariri aber ist humoristisch und so wird man ihm die Schnörkel seiner Makamen für nichts anderes als für die des Don Quixote dem Cervantes anrechnen dürfen*)". Rückert muß sich erst aus dem Don Quixote die Rechtfertigung für die orientalischen „Schnörkel" holen. — Immerhin ist der Hinweis auf Cervantes wertvoll, weil er in der Tat auf die Spur der Wahrheit führen kann. Wollen die „Schnörkel" im Don Quixote wirklich nur das Don Quixote-Wesen persiflieren, oder liegen sie nicht viel eher im eigentlichen Stil des Cervantes, wie er uns auch aus seinen anderen, nicht parodistisch gemeinten Werken bekannt ist**)? Aus ähnlichem Mißverständnis beurteilte man einst fälschlich die „Schnörkel" der Gotik, das „Krause" in antiken und jüngeren Grotesken. Ihre Absicht wurde als Humor mißdeutet. Dem Wesen der semitischen Begabung — meint ein abendländischer Forscher — ist es „versagt, größere Gedankenfolgen in geordneter Weise darzustellen; in immer neuen schwungvollen Wendungen und dichterischen Vergleichen werden doch oft dieselben Gedanken wiederholt, Wo die Phantasie schöpferisch werden möchte, gerät sie leicht in eine unanschauliche uferlose Phantastik***)". — An diesem Ausspruch wäre nichts auszusetzen, wenn er sich auf die Fesstellung beschränkt hätte und nicht auch eine wertende Betonung aufwiese. Denn es wird übersehen, daß gerade diese endlosen Wiederholungen und Parallelen die eigentümlichste und eigenste *) Vorwort zu den Makamen des Hariri. **) Auf die Beziehungen der spanischen Ritterkultur zum arabisch-maurischen Orientalismus sei hier nur beiläufig hingewiesen. ***) G. Hölscher: Die Profeten.

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