Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 169

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die orientalische Metapher
Date
1921-01-01
Page
169 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101179-3106566--4948-3106613
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die orientalische Metapher 169 Urabsichten, trotz Trübung durch Tendenzen des anderen Weges, nämlich der ästhetischen Weltbetrachtung, mit elementarer Kraft durch, oft im Widerspruch zu dem durch Aesthetik*) mitbestimmten Wortlaut der „heiligen Schriften". Dieser Urtrieb deutet dann die „heiligen Schriften" in scheinbarer Widerlegung, gemäß seinen Tendenzen gewaltsam allegorisierend um. Und in der Tat sind die Metapher, die eigentliche, unanschauliche, die Allegorie und die Hermeneutik spezifische Eigentümlichkeiten des asiatischen Geistesausdrucks. Sie entstanden in Asien und behielten auch nur dort positive Bedeutung, nur dort entfalteten sie sich zum Werkzeug**) lebendig wirkender Metaphysik und der Religion. - Die Aufmerksamkeit des Orientalen richtet sich seiner metaphysischen Veranlagung gemäß mehr aut das Allgemein-Typische, und so^zieht er auch für seine. Metaphern in der Regel das Typische heran, der Okzidentale hingegen" interessiert sich für die Besonderheiten des speziellen Individualcharakters. Er will bis in die einmaligen Details feststellen, darum verdeutlicht er die Ereignisse im Gleichnis mit Hilfe der Einzelfalls. Der Abendländer, der trotz aller Fremdheit vom morgenländischen Ausdruck hingerissen oder erschüttert wird, steht dem unanschaulichen Gleichnis durchaus hilflos gegenüber, er weiß sich dessen Wirkung nicht recht zu erklären. Auch wo es ihm gelingt, manche seiner Züge treffend zu formulieren, taumelt er doch, so er es versucht mit Hilfe dieses richtig erfaßten Zuges die Charakteristik des Gesamtwesens der orientalischen Ausdrucksweise zu konstruieren, von einem Mißverständnis zum anderen. So nimmt Goethe zur Erklärung des unanschaulichen Gleichnisses an, daß ursprünglich richtig angewandte Tropen, oft sogar nur parodistisch gemeinte, sich im Laufe der Entwicklung allmählich „dergestalt vom Gegenstande wegverlieren, daß kein Verhältnis mehr weder gedacht noch empfunden werden kann"***). Näher kommt Goethe der Wahrheit in der Behauptung: „daß dem Orientalen bei allem alles einfällt, so daß er übers Kreuz v das Fernste zu verknüpfen gewohnt, durch die geringste Buchstaben oder Silbenbiegung Widersprechendes aneinander herzuleiten kein Bedenken trägtf)". — Nur fällt es ihm nicht bloß ein, sondern er sucht geradezu dieses Entfernte auf, um dem Ausdruck Gewalt und erschütternde Drastik zu verleihen ff). Allerdings kann diese Absicht bei minderbegabten Epigonen in Gesuchtheit und Verzerrung ausarten. *) Weil Aesthetik die Voraussetzung jeder festen Formulierung überhaupt ist. **) Die Symbole der Göttlichen Komödie Dantes oder des Faust von Goethe haben als solche nie eine lebendige Wirkung ausgeübt. ***) Die chinesische, indische, assyrische, ägyptische, persische Malerei, Plastik wie auch Kunstgewerbe schildern nur Allgemeintypen. Auf das Stereotype im Ausdruck der orientalischen Dichtung braucht hier nicht erst besonders hingewiesen werden. f) West-östlicher Diwan, Noten und Abhandlungen. ff) Indem die ganze Welt der Tatsachen zur Eigenschaftsbezeichnung herangezogen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.