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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die orientalische Metapher
Date
1921-01-01
Page
168 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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168 MeJtr Wiener: bildern, ihre Erinnerungen haben visuellen Charakter; andere Individuen können kaum die dürftigsten Umrisse des Erlebten in der Erinnerung reproduzieren; man nennt solche Personen „Auditifs" und „Moteurs" im Gegensatz zu den „Visuels", nach Charcots Vorschlag"*). Das unanschauliche Gleichnis ist für die Lyrik überhaupt eigentümlich. In der Epik, auch in der morgenländischen, kommt es nur äußerst selten vor. Am häufigsten aber beim Ausdruck erotischer Empfindungen oder in der mystisch-sublimierten Erotik, kurz überall dort, wo ein Anlass zur Schamhaftigkeit vorhanden ist**). Die historischen Zusammenhänge in der Verwendung sinnlich-mystischer Metaphern laufen in einem feststellbaren Punkt zusammen — in der alexandrinisch-syrischen Hermeneutik des biblischen Hoheliedes; die inneren Gründe müssen in einem allgemeinen psychologischen Gesetz gesucht werden, ihre letzte Deutung aber kann diese Erscheinung nur aus dem Charakter der orientalischen Metaphysik finden. Allenfalls ist festzuhalten, daß das Allegorisierungsverfahren die metaphorische Weltauffassung zur Voraussetzung hat.***) Die merkwürdige Tatsache der Allegorie (wie der Hermeneutik), daß es plötzlich zu einer gewissen Zeit den Menschen eingefallen ist, in den Worten der Überlieferung durchaus nicht mehr den „einfachen", alltäglichen Sinn und die Bedeutung, die sie sonst noch auch gegenwärtig haben, erblicken zu können, sondern nach geheimen Sinn und Andeutung suchen zu müssen, die sie auch, im vollen Glauben, stets wieder und immer anders gefunden haben, die Verheißung offen lassend, daß der Sinn der überlieferten Werte durch Variation der Allegorisierung, Deutung und Hermeneutik sich in unendlicher Weise bis in alle Ewigkeit immer neu und immer mehr offenbaren kann — dieses merkwürdige Ereignis im menschlichen Geist, der an das Wort so sehr glaubt, daß er aus ihm unendliche Wahrheit für alle Zukunft ableitet, können weder historische noch psychologische Tatsachen zureichend erklären. Diese Wendung in der geistigen Entwicklung bleibt ein Rätsel; man kann nur (mit Goethe) feststellen, daß es zweierlei Wege gibt, auf alles Wesen und Ereignis zu reagieren: durch „Poetisierung" der „Wirklichkeit" (im Gedicht und Kunstwerk des hellenisch-abendländischen Kulturkreises), oder durch „Verwirklichung der Poesie", d. h. des postulierten objektivierten subjektiven Gesetzes (in den Religionen Asiens). Der erste Weg führt zum Leben als Kunstwerk, zur Verwirklichung der Aesthetik, der zweite zur mystisch-religiösen (kontemplativen) oder ethischen Verwirklichung. In den geistigen Gestaltungen Asiens dringt das bewegende Streben ihrer *) Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. *•) Unwillkürlich werden wir an den Umstand erinnert, daß in den meisten Ländern Asiens die Frauen ihr Gesicht in Anwesenheit Fremder verhüllen. ***) In den gleichen Zusammenhang gehören die chinesischen, persischen, arabischen Trinklieder mit ihren allegorischen Voraussetzungen, mit ihrer kräftigen Bejahung des Trieblebens und reaktiver Auflehnung gegen Gott.

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