Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 166 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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l66 Samuel Rappapart: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden Wie schon oben erwähnt, gibt es eine Fülle von allerlei besonders für die Genesung von Kranken bestimmter Gebete; ihr Inhalt und ihre Form sind verschiedenartig. Mit Ausnahme einiger aramäischer, sind sie zum großen Teil rein hebräisch, mitunter mit kleinem aramäischen Einschlag, vornehmlich wenn aus der Kabbala kommende Begriffe und Phrasen hineingemengt sind. Inhaltlich sind diese Gebete teils klar, hinreißend und von einer tief empfundenen Innigkeit, teils aber auch, unter Anspielung auf kabbalistische Mysterien, dunkel und für die Masse nicht ganz verständlich. Die Auswahl unter diesen Spezialgebeten trifft jeder nach seinem Wissen und Können, zumeist jedoch nach gewisser Ueberlieferung oder besonderer Empfehlung. Frauen beten gewöhnlich in der von ihnen verstandenen jiddischen Sprache aus den sog. „T'chinot", die zumeist allerlei Gebete für Kranke enthalten, sowie auch, wenn auf Gräbern für Kranke gebetet wird, aus der auch in jiddischer Uebersetzung vorhandenen für Bittgänge auf den Friedhof bestimmten Gebetsammlung, dem sog. „Maaneh laschon". Bei dieser Gelegenheit muß hervorgehoben werden, daß obzwar die ostjüdische Frau zu allermeist Hebräisch nicht versteht, sie mitunter .auch durch das tägliche Beten und Thillimsagen durch die aus ihrem „Karban Minchah"- Siddur in jiddischer Uebersetzung gelesenen täglichen Gebete und Psalmen im Lauf der Zeit eine derartige Gewandtheit und Geläufigkeit in diesen Texten erlangt, daß sie sie nicht nur in deren leichteren Partien versteht, sondern nicht selten sogar auch auswendig herzusagen vermag. Allerdings bezieht sich dies nur auf ältere Frauen, die durch langjährige Uebung diese Kenntnisse erlangen. Mädchen beten im Osten verhältnismäßig wenig und kommen nur selten, gewöhnlich bloß an Feiertagen in die Synagoge. Erst mit der Hochzeit und der beginnenden Sorge um das Wohl des Mannes und der Kinder beginnt für die ostjüdische Frau das intensivere Beten und der regelmäßige Synagogenbesuch. In der Regel geschieht dies dann an jedem Sabbat, wenigstens aber zum sog. „Rosch chodesch benschen" d. h. Segnung des kommenden Monats d. i. am Sabbat vor jedem Neumond. Mir selber waren viele, allerdings ältere, Frauen bekannt, die durch jahrelange Uebung sämtliche Gebete und alle fünf Psalmsprüche geläufig aus dem Gedächtnis in vollem Verständnis ihres Inhaltes zu rezitieren verstanden. Solche Frauen wissen auch oft viele, ihnen aus den jiddischen Sitten und Erbauungsbüchern bekannten Sentenzen und Aussprüche aus Talmud und Midrasch, mitunter sogar im hebräischen Urtexte, in ihre Gespräche mit ihren Kindern und Enkeln einzustreuen. Jn allen für die Genesung eines Kranken bestimmten Spezialgebeten wird nach altem Brauch in Bezugnahme auf Psalm 86,16 und 116,16, der Name des Kranken un dder seiner Mutter genannt (X Sohn bezw. Tochter der Y). Es geschieht dies deswegen, weil in den Gebeten für einen Kranken dessen Persönlichkeit auf das bestimmteste bezeichnet werden muß und weder einer Verwechslung noch irgend einer Unsicherheit Raum gelassen