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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 163

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
163 (sequence 5)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 163 an sich schon große Bedeutung zukommt, ist es doch nicht entschieden, ob eine einzelne von ihnen allein schon ein so Großes wie die Aufhebung eines bereits im Himmel gefällten Urteils bewirken könne, ob z. B. Gebet oder Reue allein bei Gott allein alles ausrichten könne (Midrasch Wajikra Rabba 10.5). Obzwar der Wohltätigkeit eine sehr große Bedeutung zukommt, kommt sie auch nicht ganz zur Geltung, wenn sie nicht von aufrichtiger Reue und inbrünstigem Gebet begleitet wird. Wohltätigkeit allein bedeutet bloß materielle Opfer ohne innere Läuterung; deswegen wiegt wirkliche Reue und Buße oder inbrünstiges Gebet weit mehr als Wohltätigkeit allein ohne Einkehr und Beten (Tr. Berachot 32 B sowie Tossafot zur Stelle). Denn obwohl Moses durch gute und fromme Taten ganz besonders ausgezeichnet war, bedurfte er doch noch immer des Gebetes. Die oben gennanten drei bezw. vier frommen Handlungen zusammen bilden die Grundlage aller zur Rettung eines Kranken in Betracht kommenden frommen Bräuche und Segullot; diese letzteren sind in ihrem eigentlichen Wesen bloß verschiedenartige Variationen der in mannigfache Art und Form gekleideten Handlungen, nämlich: Tschuba, Tefilla und Zedaka bezw. auch Schinnuj ha-schem. Im Mittelpunkt aller dieser vier Handlungen steht, nach dem oben ausgeführten, das Gebet. Abgesehen davon, daß diese Handlung von jedem, ob reich oder arm, geübt werden kann, hat sie noch vor den anderen den Vorzug, daß sie dem betenden Individuum, indem sie es zum Urquell der Liebe und der Gnade in unmittelbare Beziehung bringt, auch seelische Erleichterung und Hoffnung auf himmlisches Erbarmen gewährt. Ohne Beten haben eigentlich die anderen frommen Handlungen allein für sich keinen richtigen Wert. Das Gebet allein als deren Interpretin und Sprecherin vor Gott verleiht jenen den ihnen in jeden einzelnen Fall zukommenden Sinn und Inhalt. Form und Inhalt der für die Rettung von Kranken bestimmten Gebete sind mannigfach. Bunt nebeneinander finden wir, neben den altehrwürdigen Psalmen, Produkte mehr oder weniger jüngeren Datums, teils in reinem Hebräisch, teils in mitunter zusammenhanglosem und nur vom Kundigen verstandenem Gemisch von Hebräisch und Aramäisch mit dunklem, mystisch kabbalistischem Einschlag, teils auch im sog. Weiberdeutsch d. i. Jiddisch. Im Mittelpunkt aller Gebete überhaupt stehen die Psalmen. In ihnen findet das Individuum stets das richtige Wort und den richtigen Ausdruck für Empfindungen, die seine Seele in allen Lagen des Lebens, in freudigen wie in schweren, bewegen. Der Psalter ist von altersher die nieversiegende lebenspendende Quelle, aus der sich der Jude Erbauung, Trost und Hoffnungsfreudigkeit holt. Er ist der ständige Begleiter eines jeden frommen Ostjuden. Nur selten wird ein frommer Ostjude sein Morgengebet oder seine Tagesarbeit beginnen, ehe er seine paar Kapitel Thillim (Psalmen) gesagt hat, und wenn er am Morgen dazu keine Zeit findet, sucht er im Laufe des Tages bei der

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