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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 158

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
158 (sequence 9)
Language
German
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158 David Koigen: Im Wirbel der Geschichte erst raubte die große Geschichte die Geschichte der Einzelperson weg. Nacheinander schwanden alle eigenen Ziele, und die sittliche Auslese, deren Beruf es ist, ein eigenes, eigenartiges Lehen aufzurichten und zu befestigen, ist hinfällig geworden. Und dies noch in höherem Maße, als es im Weltkriege unter den Völkern vor sich ging. Der buchstäbliche Kampf um Futter, Wärme und Sicherheit der physischen Person erfüllte das Dasein. Selbst seinen Beamten; Sachverständigen und Kriegern vermochte der Sowjetstaat nur so viel zu geben als notwendig war, um den Willen, weiter nach Daseinsmitteln zu suchen, nicht völlig zu ersticken. Wir wurden alle mager an Körper, blaß am Gesicht und der Hunger nach einfachem Leben nahm an Kraft zu. Ich mußte oft an eine moralische Sentenz des grausamen Dostojewski zurückdenken. Da bewegt sich ein Mensch oben, auf einem schmalen Fußwege, wo der Raum kaum ausreicht, um auf einem Fuße zu stehen. Ringsherum flößen ihm die sich auftuenden Abgründe Schrecken ein. Und dieser Unglückliche stürzt sich nicht hinunter und denkt, fortwährend denkt er nur daran, wie man am Leben bleiben könnte. „Ein Schuft ist der Mensch!" — fügt Dostojewski von sich aus hinzu; — und bald darauf: „Ein jeder ist ein Schuft, der diesen am Leben sich klammernden unglücklichen „Schuft" schilt." Aber wir, die auch zwischen Abgründen balancierten, klammerten uns gar nicht an das Leben. Uns wurde mitten iiS Kampfe um die physische Selbstbehauptung, damals, als wir Nächte hindurch, während langer Monate Wache vor dem Hause hielten, in den Dörfern herumstöberten, um unsere Kleider in Kartoffeln und Speck umzutauschen, von dem bäuerlichen „Kombed" („Komitee der Armen") einem Verhör unterzogen und nach unserer Bourgeois-Gesinnung geprüft, damals, als Chinesen, Letten und Finnländer bei uns Haussuchungen anstellten, als man bei uns requirierte, uns zu unnützen Arbeiten verpflichtete, mitten in diesem Wirrwarr von gefahrvollen Begebnissen, und auf offener Straße, als geschossen und Strafe verhängt worden war, — wurde uns allen eine große Entdeckung, eine Offenbarung zuteil. Wir erblickten uns selber und erblickten die Welt im Original. Zu gleicher Zeit, als alle Gewohnheiten und Methoden des „zivilisierten" Menschen im Absterben begriffen waren, bildete sich ein neuer persönlicher Kern heraus. Das nackte Leben erhielt einen großen Ernst, all seine Inhalte wurden geweiht. „Werte", „Systeme von Werten" gab es nicht mehr, weil nichts sich abhob und keine Notwendigkeit geboten war, eine Auswahl zu treffen. Dem „Werte" haftet stets etwas Bedingtes an und als solches büßte er für unser Empfinden alle Realität ein. Das zu einer Schicksalsmacht zusammengeballte Leben traf die Wahl, richtiger, assimilierte, zog in seinen Wirkungskreis ein, wofür seine unmittelbare Kraft gerade ausreichte. Die Sinne, der Wille waren von einer einzigen fatalen Macht in Angriff genommen; einfarbig, monoton, aber ernst wurde das Leben. Die sehnsuchtsvolle Schwermut, die berühmte Langeweile der russischen Gesellschaft, war mir nicht mehr begegnet und kein Selbstmord wurde be-

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