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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
159 (sequence 10)
Language
German
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden igg gangen. Eine merkwürdige Erscheinung. Ich sah keine Menschen mehr lachen, ich hörte aber auch nicht von Selbstmord erzählen. Im Rußland der Revolution kommt er auch nicht vor. Ein jeder Schritt war mit Anstrengungen verbunden, war einer Übung in der Tugend .der Tapferkeit gleich, ein jeglicher Gegenstand wurde uns zu einem Kelche kostbaren Lebens, wir befühlten ihn, tasteten ihn mit den Blicken liebevoll ab, und ein jeder Genuß zeugte von Weihe und Erhabenheit. Nur flalen die Genüsse allzu selten aus, es verringerten sich die Gegenstände, die man liebevoll anschauen konnte, und immer öfter und öfter sah man sich genötigt, zu den Tugenden der Entsagung, Überwindung und Tapferkeit zu greifen. Man wurde mager an Körper, ärmer an Geist und nur der instinktmäßige Wille nahm an -Eindeutigkeit und Wucht zu. Nur Menschen sahen wir nicht mehr, die Beziehungen erstarben von selber, die Geselligkeit löste sich völlig auf. Das Publikum war nicht mehr da, hatte sich aufgelöst und irgendwo in der Ferne hörte man leise die Stimmen des Chors: Wir sind verloren, die Stadt ist dem Tode geweiht und nur jene dort, die Demiurgen unseres Schicksals, kämpfen, kämpfen, kämpfen . . . Wir waren jedoch nicht verloren. Unsere größte Ueberwindung war unser größter Sieg. Und viele selbst unter den „Marranen" und Bourgeois, viele unter den Proletariern und den Revolutionären wünschen sich weder das Gestern herbei, noch gedenken sie im Heute zu verweilen. Sie sind inwendig gewandelte erstarkte Wesen, die es verstehen werden Herr über das Morgen zu werden. Man muß taub geworden sein vom Getöse der Revolution, um dies nicht zu vernehmen. Das ganze Rußland spricht vom „neuen Menschen", „neuen Russen", „neuen Ukrainer", „neuen Juden". Der Dritte gewinnt das Spiel, „das Dritte" trägt stets den Sieg davon. Das Renansche Wort scheint sich bewahrheiten zu wollen: „Malheur ä qui fait la revolution, heureux qui en herite!" Nach diesem glücklichen Erben wollen wir fahnden. Von ihm hängt es ab, ob die künftigen Generationen zur kulturellen Reaktion und historischen Fatalität der Revolution das biblische Wort sprechen werden: er sah alles was er gemacht hatte und es war gut so. Auch den Akt der Rechtfertigung wird er, der „Dritte" vollziehen. Uns persönlich, ist es nur gegeben, die Toten zu beklagen und womöglich die Hoffnung zu verkünden. SAMUEL RAPPAPORT / AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN VI. Krankheit 3. Brauche gegen KranJtheit B. Beten und Jahreschenken Ein plötzlich eingetretenes Unwohlsein bezw. Erkrankung wird in der Regel als leicht und bald vorübergehend betrachtet und man gebraucht im ersten Moment zu seiner Behebung allerhand Mittel, wie z. B. die

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