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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 157

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
157 (sequence 8)
Language
German
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IRI
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Im Wirbel der Geschichte 157 mag die Revolution trotz ihrer sog. „Prolet-Kulte", ihrer Organisationen für „proletarische Kultur und kommunistische Wirtschaft" kaum zu leisten. Allerdings: für die Golyzin und Tolstoi hat das Glöcklein längst geläutet und für die „Kultur" der Djudin und Djudschikow scheint die Stunde noch nicht geschlagen zu haben. Aber einmal kommt sie, der Zeiger rückt unfehlbar gegen zwölf. Die politische Differenzierungsmethode, die Selektion, die durch sie erlangt wird, darf uns nicht irreführen. Die politische Aristokratie des revolutionären Staates ist keine Aristokratie in irgend einem sozial-kulturellem Sinne. Es ist bloß eine mobilisierte „Aristokratie", durch die Not der historischen Stunde geschaffen. Mit der Beendigung des revolutionären Feldzuges findet ihre Demobilisation statt. Der Bäcker Samsonow und der Kirchenmaler Djudschikow gedenken selber nicht im Amte zu verbleiben. Und auf meinen Reisen durch Rußland hat mir persönlich mancher Djudschikow sein Leid geklagt. Ihn verlange es zurück zum Pinsel und zu den Göttergestalten, die ja im weise regierten Sowjetstaat keiner Zensur unterliegen. Allein unter der Obhut der mobilisierten Würdenträger findet eine tief bohrende Bildung von gesellschaftlichen Gruppen statt. Sowjetbourgeois — so nannte man sie gestern, Staatspächter heißen sie heute — in der Stadt, und mittlere Bauern, die jetzt schon zu Großbauern emporgewachsen sind, auf dem Lande. Ganz wichtige Nebenprodukte der Revolution, Träger und Schöpfer der Wirtschaftskultur von übermorgen. Stets ist es ein Dritter, der im historischen Spiel den Sieg davonträgt, und stets sind es die Nebenzwecke, die die Hauptzwecke überwuchern. Rußland braucht eine breit angelegte Wirtschafts- und Rechtskultur und eine solche Kultur bedarf gesellschaftlicher Gruppen zu ihrem Fundament. Auf verschlungenen Wegen strebt der jetzt nationale Sowjetstaat diesem Ziele zu. Der Genius der Revolution scheint nach vielen Irrwegen, nachdem er die rein historisch-extensive Politik des alten Staates ad absurdum geführt hat, auf seine zweite wirkliche Aufgabe gestoßen zu sein. Nach der gründlichen Zerstörung der alten Gesellschaft, dieser schwachen sozialen Gewebe der Kulturbildung, ist er um die Geburt neuer und gefestigterer Gesellschaftsgebilde ernstlich besorgt. In der Sprache des politischen Jargons heißt es dem „neuen Kurs" huldigen, nach meiner Terminologie würde es die Ueberwindung der eigenen kulturellen Reaktion bedeuten. — Wir, die Anderen, die durch unsere Existenzform bereits eine höhere Stufe der sozialen Tejlung bekunden und in eigener Person eine geistige Selektion symbolisieren, auch wir unterlagen dem Gesetze der Wandlung. Das „Dritte", Andersgeartete, das aus dem großen Widerstreit zwischen zeitgenössischer Geschichte und ansässiger Kultur hervorgegangen ist, hat auch unsere Transformation vorgenommen. Für unser empfindsames Gehirn waren die Schläge ursprünglich zu hart. Der Abbau der Gesellschaft und Kultur zog den Zerfall der „europäischen" Persönlichkeit nach sich, Zu aller-

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