Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
156 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101179-3106564--4931-3106600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

156 David Kol gen: tatsächlichen „geschichtlichen Sinn" zu erfassen, ließ sich nicht nur in der Gewerkschaft und Partei, sondern auch in der Werkstatt der kommunistischen Fabrik eine Disziplin gefallen, von der kein absolutistisch regierender Unternehmer je zu träumen wagte. Die Welt wird einst, wenn alle Dokumente ans Licht kommen werden, in Staunen geraten, welche Opfer gerade die industriellen Proletarier willig der Revolutionsgewalt darbrachten. Und jedesmal, wenn der Hunger und die Zwangswirtschaft in ihnen den Zorn gegen die eigene Macht anschwellen ließen, gedachten sie ihres schönen Traums und fanden sich mit dem Geschick, das ihnen die Revolution auferlegt hatte, friedlich ab. Es unterliegt keinem Zweifel mehr: es vollzog und vollzieht sich auch noch heute eine tiefe moralische Umwälzung in den breiten Massen des Volkes. Man fühlte sich verantwortlich auch für die Sünden der nun einmal notwendig gewordenen „kulturellen Reaktion", man bekundete den Willen zur Verantwortung. Natürlich kam dieser moralischen Revolution die politische Differenzierungsmethode zu Hilfe. Die Revolutionsgewalt lockt Herrschergruppen unter den Bauern und in der Arbeiterschaft herbei, indem sie ihnen sog. Privilegien erteilt, Ämter in Heer und Verwaltung zuschiebt und autbürdet. Der Verwaltungskörper hat infolgedessen sein Gesicht auch vollständig geändert. Eine bolschewistische Zeitung hat neulich die herrschenden Personen von dazumal denen von heute gegenübergestellt. In den Denkwürdigkeiten des Gouvernements Kaluga vom Jahre 1916 sind die Namen der Gouverneurs von 1776 bis zur Revolution aufgezeichnet. Da sind Namen bekanntetalter Geschlechter: Fürst Dolgorukow, Fürst Oboljenski, Graf Tolstoi, Fürst Golyzin, Wirkl. Staatsrat Bulygin, Fürst Gortschakow, Kammerjunker Tschenykaew, alles Persönlichkeiten, die einst auch als Grundherren im Gouvernement walteten. Und jetzt sind es die direkten Nachkommen der Leibeigenen jener Herrschaften, die das Land verwalten. Der Bäcker A. Samsonow, ein Bauernsohn, ist der Vorsitzende des Verwaltungskomitees des Gouvernements — dem Range nach Gouverneur, sein Stellvertreter Nowikow, dem Berufe nach Handelsgehilfe, auch Bauernsohn, der obere Kriegskommissar des Gouvernements ist Almasow, ein Arbeiter der Lithographie; den Vorsitz in der Schrecken einjagenden, verruchten „Außerordentlichen Kommission", im sog. „Tsche-Ka" führt der Schlosser Osipow, auch aus der Bauernschaft von Kaluga stammend; die gesamte Miliz (Polizei) des Gouvernements hat unter sich Djudschikow, seines Zeichens Kirchenmaler; an der Spitze dessen, was früher als „Semstwo" galt, steht der Schuhmacher A. Djudin usw. usw. Dies das neue Bild. Wir hegten große Zweifel, ob das Rußland der Djudschikow und Djudin mehr an Kultur gewänne, denn das Rußland der Golyzin und Tolstoi. Allein dies sahen wir ein: die russische „Historie" unserer Tage hat die Bäcker und Schuster mehr nötig als die Fürsten und Kammerjunker. Und mehr als dies, mehr als die derzeitigen historischen Aufgaben des russischen Reiches zu erfüllen, ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.