Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 155 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101179-3106564--4930-3106599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im Wirbel der Geschichte 155 die Revolution bereits, wenn auch vorläufig mehr formell, die Linien zwischen den einzelnen Republiken, autonomen Provinzen und Kulturen mit nationalem Willen gezeichnet und durchgeführt. Ein System von national-kulturellen „Dominions" ist sicherlich das Bild des Russenreiches von übermorgen. Wenn einmal die „historische Tat" der Revolution zur Reife gelangt, wird man auch mit milderem Sinn an die „kulturelle Reaktion" des Bolschewismus zurückdenken. Ist ein Land in die unglückliche Lage geraten, eine Revolution durchzumachen, so darf man dieser die schlechten Manieren und die kulturelle Ohnmacht nicht allzu übel nehmen. Aber gerade mit diesem folgenschweren Gedanken vermochten wir „Kulturmenschen" uns am schwersten zu befreunden. Wir sahen den völligen Zusammenbruch der Kultur samt dem der Wirtschaft, des Rechts, des Intellekts, und unterschätzten die Bilanz der Geschichte. An unserem Unverstand war nicht nur unser Leid und schwacher Glaube schuld. Die kommunistische Doktrin mit ihrer Fesselung des Lebens, das gesamte Hörigkeitssystem, das sich über unser Dasein ausbreitete, der Terror und der Bürgerkrieg verdunkelten das Bewußtsein und flößten Schrecken ein. Wir erkannten noch nicht den Sinn der Geschichte und glaubten uns dem Untergange aller Zivilisation gegenübergestellt. Die in der christlichen Phrase Befangenen wetterten: Der Antichrist, der Satan in eigener Gestalt ist gekommen und führt uns sicherlich dem Verderben entgegen. Wir Europäer erlebten es anders: Der Christ, der Galiläer, der sich militärisch gebärdet und so die Offensive ergriffen hat, schickt sich an, reinen Tisch mit der weltlichen Kultur, mit all unseren Gütern, die uns als Erbschaft zugefallen sind, zu machen. Judäa und Hellas, Rom und die Magna Charta unserer Freiheiten und Begabungen seien aufs Spiel gestellt, unsere Shakespeare und Kant, unsere Beethoven und Rembrandt wolle man uns rauben. Und wir revoltierten, wie einst der unglückliche Julian revoltiert hat. Man verfaßte im stillen Reden „gegen die ungebildeten Hunde". Der „Apostata" war die Losung. Und mancher sagte es mir und tat auch danach: Ich gehe zu dem Banditenführer Machno, zu den entlaufenen Zuchthäuslern und Räubern, aber meine Freiheit verpfände ich nicht dem kommunistischen Staat Die Geschichte vollzog sich auf den Kriegsfeldern der Innen- und Außenkriege, wir aber zwangen uns zu leben unten, im Tal, wo die festen Regeln der kommunistischen Kriegswirtschaft strikt durchgeführt wurden. Wir durften den Ort, an dem wir uns gerade befanden, nicht verlassen, wurden einem Beruf verpflichtet, durften nicht frei denken und frei uns äußern und selbst die tagtägliche Aktion des bürgerlichen Lebens, der Akt des Kaufs und Verkaufs wurde zum Privileg der deklassierten Bauern- und Soldatenburschen. Wie gefangene Kirchenmäuse nagten wir allerorten herum und verarmten an Brot und Geist vollständig. Die Arbeiterschaft, die berufen war, den kommunistischen Staat zu bauen und noch in geringerem Maße als alle anderen fähig sich zeigte, den 11*