Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 154 (sequence 5)
- Language
- German
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154 D avid Kolgen: und insbesondere ihre zwischenvölkliche Politik im Rahmen des russischen Reiches vermag nur Bewunderung hervorzurufen, so daß selbst national gesinnte Männer nach und nach aui die bolschewistische Revolution stolz zu werden beginnen. In den Kreisen der Großrussen gewöhnt man siqh allmählich die schlechten Denkmanieren ab, die große Umwälzung den mystischen Gestalten der Logenbrüder und der „Alliance Israelite" in die Schuhe zu schieben. Man spricht bereits, wenn auch vorläufig noch ganz leise und unter sich, von der tiefen „russischen Volksweisheit", die zu gutem Ende die Geschicke des Reiches leite. Weshalb diese historische Gesinnung sich noch nicht unter den Gebildeten der Ukrainer und sonstiger „Fremdkörper" vollauf durchzuringen vermochte, hat seine Gründe, auf die ich anderswo (Kap. V) Bezug zu nehmen gedenke. Daß die Revolution eine neue historische, historisch-politische Wahrheit mit sich bringt, dies haben Einzelne unter uns schon früh begriffen und ganze, von Partei-Vorurteilen freie Massen haben auch den geistigen Druck jener national-russischen Wahrheit auf sich wirken lassen. Die Sammlung und Neugestaltung der russischen Erde wird stillschweigend der bolschewistischen Macht zugeschrieben. Ein jeder weiß es, daß, solange die Entwicklung auf dem durch die Revolution geschaffenen Boden vor sich geht, alles Gerede von der Balkanisierung Rußlands null und nichtig ist. Und schon jetzt darf man es sagen, ohne als Ideologe verschrieen zu werden. Das Faktum „Rußland" ist die Voraussetzung für den künftigen Bestand der europäischen Halbinsel. An solchem aus dem Fegefeuer der Revolution hervorgehenden Rußland entzündet sich auch der russisch-jüdische Patriotismus, der stets, solange die Juden noch kein Land in vollem Maße ihr Eigen nennen, ein Patriotismus des großen, weiten Raumes war und ist. Als der Zusammenbruch des russischen Reiches noch keine Zeichen der Wiedergeburt von sich gab, war denn auch das russische Judentum tief betrübt und seelisch niedergeschlagen. Solange das Leben der Diaspora in dem Vordergrunde des jüdischen Daseins steht, wird auch das national-jüdische „Dominion" Osteuropas im Planetensystem des Russenreiches seinen Kreislauf weiter vollziehen. Der Wille des osteuropäischen Judentums, das. als Judentum gerade in weitem Räume sich zu behaupten vermag, ist ein ausgesprochener Wille für das Russentum und sein Reich. Die Geschichte, wie sie von der Revolution in Szene gesetzt wird, ist eine gute, wenn auch etwas harte Schule auch für nationale Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Und gerade die bolschewistische Geschichte, die zur Zeit die Geschichte von ganz Rußland ist, ist, trotz ihrer unitaristischen und universalistischen Intentionen, im Punkte nationaler Existenz föderalistisch und dezentralistisch gerichtet Die Vorbedingungen für eine eigene national-russische Kultur sind so weit gediehen, daß das Russentum sich instinktiv genötigt fühlt, der weiteren Kultur- und Rassenvermischung Halt zu gebieten. Dem höheren Gebot der eigenen Geschichte gehorchend, hat