Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 153 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte *53 wurde alles einfach, bis zum Nichtsein klar. Die Industrie, der Handel, das Schrifttum, die freien gesellschaftlichen Körperschaften wurden , als Hemmnisse für den Sieg der neuen Staatsbildung empfunden. Die Kultur und ihre menschlichen Träger mußten vor dem historischen Wollen weichen. Rasch wurden die Methoden des aktiven Militarismus in den Dienst der neuen Staatsgewalt gestellt. Kriegsrevolutionäre Komitees bedeckten die Oberfläche der russischen Erde. Alle galten als von der Revolution mobilisiert, man durfte requirieren, das Eigentum mit Beschlag belegen, zur Arbeit verpflichten. Die Soldatenidee, wie sie der große Napoleon einst zur Welt brachte, wurde mit einem sozialen, staatskommunistischen Inhalt erfüllt. Nichts als Soldaten kannte die revolutionäre Staatsgewalt, die in den Trägern der alten Kultur ihren Todfeind sah, sehen mußte. Die revolutionär-militärische Staatsgewalt brauchte um jeden Preis einen Gegner, um selbst großgezogen zu werden. Und selbst die „Kulturmenschen", die noch gestern ihrer sozialen Stellung oder Bildung nach sich als die Höheren dünkten, waren gezwungen mitzumachen, galten als die der Strafe verfallenen Gemeinen im großen Heer der Revolution. Noch heute ist es mir unbegreiflich, wie rasch sich das öffentliche Bewußtsein gewandelt hatte. Man hörte nur von „Proletarier" und „Bourgeois" reden. Was nicht gerade proletarisch war, proletarisch aussah, wurde als Bourgeois gewertet, dem man alle Gebrechen dieser Welt zumuten dürfe. Das Wort „Bourgeois" hatte als Schimpfwort zu gelten begonnen und ich persönlich war Zeuge einer Gerichtsverhandlung im Revolutionstribunal, wo ein Proletarier den anderen beschuldigte, ihn „Bourgeois" gescholten zu haben. Der Bourgeois aber, der meistens nach unseren europäischen Begriffen nicht einmal dem kleinen Mittelstand zugezählt werden kann, begriff rasch den Geist der Zeit, legte den steifen Kragen ab und kleidete sich soldatenmäßig, proletarisch. Man verabschiedete die Dienstboten, sprach einander „Genosse" („Towarisch") an und verrichtete alle schweren Arbeiten, um als kleiner Mann und Proletarier voll genommen zu werden. - Die soziale Mimikry und Assimilation der Besitzenden und Gebildeten an die proletarische Fiktion kannte keine Grenzen. Petersburg glich im ersten Jahre der proletarischen Diktatur einer Stadt von „Marranen". Und noch heute, nach 3—4 Jahren der Revolution, wenn Sie auf einem Beamtenposten oder sonst einem „Genossen" begegnen in einer guten Lederjacke und hohen Lackstiefeln, so seien Sie versichert, daß Sie es meistens hier mit einem der „Assimilanten", mit einem siegreichen „Marranen" zu tun haben. Die Anderen, denen der Glaube an den militärischen Kommunismus fehlte und die zu ehrlich waren, um den Marranen zu spielen, verloren jetzt erst recht den. Kopf. Der „Chor"* hörte und sah aber den „Assimilanten" und posaunte in die Welt hinaus: Schwindel, nichts als Schwindel und böse Demagogie 1 In Wirklichkeit aber gräbt die Revolution tiefer, und was sie als Kultur trieb, ist bis nun im Großen und Ganzen fehlgeschlagen, was sie aber als geschichtliche Macht tat, ist von Erfolg gekrönt. Ihre Armee, ihre Diplomatie