Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 152 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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152 David Koigen: Herrschaft der Provisorischen Regierung in all ihren Gestaltunngen blieb die Stimmung der Massen, des Publikums antidemokratisch, antifreiheitlich. Erst nachträglich, als die Demokratie gestürzt war, glaubte das „Publikum" für die Demokratie gewesen zu sein. In der Tat: eine kleine zeitliche Verwechselung. Der Krieg ging inzwischen weiter, das Volk "war enttäuscht und es verlangte nach einer rieu gearteten Geschichte, nach eigener Historie. Manche Forscher stehen wie vor einem Rätsel: Wie ist es gekommen, daß die „Demokratie" so leicht ihren Platz dem Bolschewismus räumen mußte? Die Männer der Provisorischen Regierung überragten doch an Bildung, Kultur und Freiheitsliebe bei weitem die Machthaber aus dem Kreml. Es sei ja gar nicht wahr, daß* ein revolutionäres Land alle Stadien des revolutionären Kreislaufs durchwandern müßte. Seht euch die Deutschen an, die es rechtzeitig verstanden haben, Halt zu machen. Woran mag es liegen? Jetzt, nach vier Jahren der Revolution, da die Ereignisse bereits ein historisches Gesicht erhalten haben und zur Geschichte geworden sind, nachdem ein jeder unter uns ein Stück Geschichte in sich trägt, jetzt können wir das Geheimnis enthüllen. Wir brauchen bloß auszusprechen, was die Geschichte selber uns beigebracht, eingeflößt hat. Die Revolution des Februar litt fortwährend an moralischer Weitsichtigkeit und historischer Kurzsichtigkeit. Die moralische Sprache, die sie im Munde führte, fand keinen Widerhall im Lande. Das kulturarme Volk überhörte all die schönen Worte der Marquis de Posa. Um die Kultur nicht nur zu predigen, sondern auch zu schaffen, danach war die Zeit nicht angetan. So gingen die Bürger eines künftigen Geschlechts unter als unverstandene Hamlets, denen aber die Geschichte das harte Wort mit auf den Weg geben wird: historisch Kurzsichtige, historisch Blinde. Ob sie auch in Sachen des Lebens und der Kultur progressiv, liberal waren, so waren sie auf dem Gebiete des historischen Tuns reaktionär und rückschrittlich. Und ob dieser doppelten Kulturarmut des Volkes und eigener geschichtlicher Reaktion brachen die Männer des Februar den Hals. Die Führer des Bolschewismus hingegen, als echte Revolutionäre, stets im Hinblick auf „historische" Aufgaben erzogen, verstanden ohne weiteres, was das Volk, seine Geschichte von ihnen verlange. Ihr historisches Denken und Tun, ist denn auch progressiv, fortschrittlich, während in Sachen der Kulturentwicklung sie sich reaktionär und rückschrittlich zeigten. In den ersten Jahren ihrer Herrschaft wenigstens trugen sie diesen Januskopf zur Schau. Kulturarm und historisch weitsichtig wie sie waren, rissen sie im Einvernehmen mit den Besitzlosen in allen Klassen, mit den niedrigstehenden Rassen und Stämmen der ganzen weiten russischen Erde die Macht an sich. Sie begriffen den Sinn des Historischen und die Historie gab ihnen Recht. Die Ereignisse ballten sich zu einem harten Schicksalsschlag zusammen. Der mühsam aufrechterhaltene „Kulturstaat" des Februar löste sich geräuschlos auf und der Sowjetstaat warf über Nacht die Anarchie in Eisen. Auf einmal