Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 151 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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David Kolgen: Im Wirbel der Geschichte 151 zum Krämer. Man gab sich der Industrie, dem Handel, dem Geschäft hin. Wie jede Revolution, so hat auch die von 1905 machthaberische Instinkte erweckt, wirtschaftliche Kräfte en masse entfacht. Eine Minderheit versank in Erotik oder fühlte sich von der kirchlichen Romantik angezogen. Und dies waren gerade die Besseren. Die „Entwicklung" versagte und man klammerte sich an die momentane Impression oder gar an die mythischen Vorstellungen. Das vielköpfige Publikum, das später, in der großen Revolution die Rolle des Chors übernahm, war nun einmal erblich belastet. Selbst im Februar 1917, als der Anstand der Gebildeten noch gewahrt wurde und die parteiisch geschulte „Intelligenz" das große Wört führte — in den acht langen Monaten der Doppelmacht, die von der Provisorischen Regierung und den antibolschewistischen Räten ausgeübt wurde, — in der Zeit also, als noch niemand es wagte, die Hoffnungen der Massen auf Beendigung des Krieges und die Aufteilung des Grund und Bodens zu erfüllen, wußte bereits das Publikum: Dies da ist nicht unsere Revolution, es ist die Revolution der Heloten. Seht euch den Sklaven von gestern etwas näher an. Er rechnet gar nicht mit der Staatsraison, er ist egoistisch und drängt sich überall vor. So dachten manche, die sich Volksfreunde, Revolutionäre und Sozialisten nannten. Der Bourgeois aus dem Publikum hatte etwas ganz anderes auf dem Herzen. Die in Aufstand geratenen Sklaven gestatteten sich einen Luxus, dessen er sich angeblich selbst in Friedenszeiten zu enthalten suchte. Seht den Burschen von einem Soldaten da: drei Rubel (es waren noch alte romanische Goldrubel) hat der Bursche für einen Apfel ausgegeben. Und die Mädchen aus dem Volke, ihre eigenen Dienstmädchen — wie sie sich dem Tanze hingeben, wie ihre Gesichter leuchten! Und diese da sollen die Verkünder einer neuen Heilslehre sein! Täuschung, nichts als Täuschung! Und da kamen die Arbeiter, die angeblich nicht arbeiten wollen und höhere Löhne beanspruchen. Und diesen gesellten sich die „Führer," mitunter freche, halbgebildete und auch unsaubere Burschen. Das Bild wurde schwarz gemalt. Das Publikum rieb sich die Augen und sah — nichts. Es gibt noch heute manche naive Leute unter den Russen, die an die Februar-Revolution wie an einen herrlichen Traum zurückdenken. Was nicht alles in den acht Monaten geschaffen wurde: die Magna Charta der Freiheiten, die allervollkommenste Demokratie. In Wahrheit ein durch und durch böser Traum. Das Publikum, der Chor ist Zeuge dafür. Keiner wollte, keiner liebte auf die Dauer diese Revolution der Demokratie, ausgenommen die Männer der Regierung und ihre Anhängerschaft und uns Juden. Wir waren vielleicht die einzigen, die reif für die Freiheiten waren, und mancher jüdische Jüngling wußte auch mit eigenem Leben diese Freiheit zu bezahlen. Sonst ist die Mär von Demokratie und Freiheit, die das russische Volk angeblich in den denkwürdigen acht Monaten beherzigte, eine nicht einmal nützliche Illusion und Legende, die noch immer unsere Ansicht über die revolutionären Vorgänge trübt und verdunkelt. Unter der demokratischen