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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
Date
1921-01-01
Page
146 (sequence 10)
Language
German
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146 Arnold Zweig: anderen Zonen als der des Intellekts allein gelingt ihre Anschauung und Bewältigung. Darum vor allem gilt für die bürgerliche deutsche Jugend die Mahnung: zum Volke zu gehen. Das ist so unglaublich schwer zu tun wie es leicht ist, den Vorsatz zu fassen. Mit dem Besuchen proletarischer Versammlungen ist es weder noch mit Studienausflügen getan: man muß mit dem Proletariat leben — den ganzen unvorstellbaren Mangel, der seine Atmosphäre ist, die ganze verderbende Härte der Hand- und Fabrikarbeit mit ihm geteilt haben — und auch das ist nicht genug. Das Mißtrauen des Proletariers, das tiefe, ein Jahrhundert alte Mißtrauen gegen und der Spott über alles, was von „oben" kommt, muß überwunden, durch Tat und Sein überwunden werden, ehe er dem bürgerlich erwachsenen jungen Menschen auch nur glaubt, daß er es ernst meine oder kein Aushorcher und Verräter sei. Vermutlich ist der italienische und der französische, der russische und selbst der englische Arbeiter leichter zugänglich, sei es, weil der Volkscharakter zu vertrauenderer Heiterkeit neigt oder weil die Fremdheit zwischen den Klassen nicht so tief fressen konnte, dank anderer und gerechterer politischer Zustände, aktiverer nationaler Verbindung auf beiden Seiten: der deutsche Arbeiter aber und der deutsche Bürger, das sind heute zwei verschiedene Völker und mit dem trennendsten Differenzaffekt beladen, den man heute erleben kann. Das ist die Verschuldung des deutschen Bürgertums, ein Grund zum militärischen Verlust des Kriegs und zu der radikalen Spaltung zwischen den beiden aktiven Teilen des einen und blutgleichen Volkes. Diese Erkenntnisse sind nicht beweisbar, sondern nur zugänglich dem Erlebenden, und sicher wären sie wie den meisten juögen Bürgersöhnen — nicht einem menschlichen Genie wie Landauer — auch mir verschlossen geblieben, wenn nicht der Zwang des Krieges mich als Arbeiter zu Arbeitern, als Armierer zu Armierern geworfen und über zwei Jahre in die Arbeit, die harte und wahllose Hand- und Leibesarbeit gepreßt hätte, bis ich als ein Verwandelter die Front, an der bekanntlich Juden nicht gefunden wurden — unsere Kompagnie zählte deren dreizehn — verließ. 9- Aber um auf die Dinge und Sachverhalte und damit auf den Kern zurückzukommen: zum Volke gehn und sein Leben teilen, ja nur in den Ferien der Studenten davon einen Geschmack bekommen scheint mir die erste notwendige Betätigung jugendlichen Nationalismus zu sein, deren es bedarf. Und von hier aus wird auch das Programm, diese irrige Ideologie, plötzlich ein anderes Relief zeigen. Man ist durchtränkt vom bürgerlichen Differenzaffekt von Klasse zu Klasse, wenn man auf den Kampf um wirtschaftlichen Aufstieg des Proletariats Worte wie „Ressentiment der Schl^chtweggekomm'enen, Pleonexie, materialistische Machtgier" anwendet; man kennt das Niveau nicht, von dem dieser Aufstieg ausgehen muß — man weiß einfach nichts, weder von dem Nahrungsbedürfnis körperlich Arbeitender in steter Bewegung noch von der

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