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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 145

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
Date
1921-01-01
Page
145 (sequence 9)
Language
German
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Der Antisemitismus und die deutsche Jugend 145 seeltheit des Menschen in „wissenschaftlichem" Determinismus, bekennt sich zum Dogma zwangsläufiger Entwickelung der gesellschaftlichen Zustände aus materialistischen, politisch-wirtschaftlichen Gesetzen, strebt die Beseitigung von Klassen und Klassenherrschaft und die Ueberwindung nationaler Grenzungen durch die internationale, übervolkhafte Gesellschaft produktiver Menschheit an: und all das durch Veränderung von Zuständen, durch praktische und zwar politische Maßnahmen, durch Aktivität von außen: da ihm der Mensch das Produkt aus Natur und Gesellschaft ist, und die Natur des Menschen ihm als Ziel verändernder Beeinflussung entrückt erscheint durch die Zustände der Gesellschaft, geht er auf die Verbesserung der Zustände aus und ist überzeugt, daß die ursprünglich edle Natur des Menschen, sind die depravierenden Umstände erst beseitigt, ans Licht treten und mit weit geringerer Anstrengung erziehender Mittel die Reinigung und Erhöhung des menschlichen Typus erlauben werde. Dieser Glaube steht diametral gegen den unseren, der nicht an dieser Stelle bekannt werden muß. Hier aber frage man nach den Wirklichkeiten, wirksam hinter diesen irrigen Sätzen: sie sind erschütternd und — ganz geistig, nicht nur bei den besten Führern dieser Bewegungen, sondern gerade bei den Folgenden, den Massen, dem niederen Volke. Wieviel Glut der Hoffnung, Reinheit des Willens, Glaube an den Menschen und seinen Geist; wieviel Bereitschaft zum Opfer, welche tiefe Kameradschaft und Brüderlichkeit, welche religiöse Hingabe an die Idee, welcher Mut zum bezeugenden Tode und welche Sehnsucht nach Frieden und Freude durchgärt diese „nach besserem Leben" gierigen Massen! Ja wahrhaft nach besserem Leben — nicht aus dem Sinne des besessenen Bürgers, sondern aus dem jeder guten Jugend geredet: nach edlerem und gütigerem Leben, und gerade dort gärt und wühlt es am heftigsten, wo die Scham und Wortkargheit des nordischen Menschen all das unter der Hornhaut der spottenden und das Herz verleugnenden Volkssprache verbirgt. Der Arbeiter unserer Zeit ist auch in dieser Scham und verulkenden Kargheit der Sohn der großen Stadt; aber die Hilfe, die er dem Bedürftigen leistet, die Kameradschaft, die er tut, bleibt reiner Fluß aus reinem Quell, was auch immer er an Redensarten dazugebe. Um das zu sehen aber muß man mit ihm gelebt haben, nicht von oben nach unten, sondern gleich zu gleich, nicht mit den jungen Burschen, sondern vor allem mit den Männern, die das Kernholz jedes Volkes sind. Die bürgerliche Jugend aber begnügt sich, um über die sozialistische Bewegung zu urteilen, mit der Kritik des Programms — jener Masken, von denen genug gesagt wurde. Und das ist verhängnisvoll und falsch bis zur Lebensgefährdung des Volkes — bis zur erledigenden Verirrung der deutschen Jugend. Nur der Literat und typische Politiker begnügt sich mit der Kritik der Programme und hat das Leben widerlegt, wenn er sie intellektuell ad absurdum geführt, ihre Unmöglichkeit nachgewiesen hat: die gestaltenden Wirklichkeiten aber haben andere Namen, Gesichter und Kräfte, und in

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