Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 147 (sequence 11)
- Language
- German
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Der Antisemitismus und die deutsche Jugend 147 katastrophalen körperlichen und Seelenwirkung der proletarischen Wohnweise; weder von den physiologischen Ursachen des Kino- und Wirtshausverlangens noch von den seelischen Veränderungen — Einstellung zu Kindern, Tod, Geschlecht, Welt — die aus diesen pesthaften Lebensbedingungen des Großstadtsarbeiters sich mit schicksalhafter Unvermeidlichkeit ergeben — aber indem man die Not des Bürgertums und Mittelstandes (die mit jener ganz unvergleichbar ist, weil z. B. die Wohnverhältnisse im Durchschnitt, turmhoch über jenen Durchschnitt und die Arbeitsverhältnisse ebenso unvergleichlich gelagert sind) sich ins Gedächtnis ruft, hütet man sich vor der inneren Anschauung jener Umstände, die Sombart in seiner Monographie „Das, Proletariat"*) geschildert hat und die trotz allen Besserungsansätzen heute erst recht fortwirken. Mögen Ressentiment, Neid, Haß, Rachsucht und Vergeltungswillen im heutigen [Sozialismus unterirdisch und beiläufig ihre Mitwirkung treiben: in den Parteien der Rechten"*wirken ebensolche und nicht edlere Kräfte mit — und weit heftiger bewegt das Proletariat sozialistischkommunistischer Prägung der Wille zum Aufbau einer neuen Erde, gerechter Lebensführung und aller volkhaft wache hilfsfreudige Tatendrang des unverzerrten Menschen, soweit ihn der Irrsinn des mechanistischen neunzehnten Jahrhunderts heil gelassen hat — und das ist weit weit mehr, als der junge bürgerliche Mensch sich vorstellt. 10. Den Weg der Programme und Ideologien halten wir für falsch; falsch konziepirt den Zustand der Menschheit von dem notgedrungen ausgegangen wird, falsch gesehen die Idee des Menschen, falsch den Weg von Außen nach Innen, falsch vor allem die Zielvorstellung an seinem Ende — die sozialistische Idee der entnationalisierten Menschheit; falsch den Weg der Gewalt und ebensofalsch den Zentralismus der ihn diktiert. Aber soll die nationale deutsche Jugend darum die Dinge liegen lassen, heillos wie sie nun einmal liegen, oder dem pseudodemökratischen bürgerlichen Staate, dem Großsiegelbewahrer des wirtschaftlichen Gewaltstaates und der Klasseninstitutionen, des Parlamentarismus bismarckscher oder bethmännischer Weisheit, zum Wiedergeburtshelfer werden? Ich rede hier nicht zu jener Jugend, der man mit der Militärrevolte des Neunten November und ihren Folgen die Karriere verdarb; hier und vorwie nachher wende ich mich zu der sachlich-allgemein leidenschaftlich aufgewühlten großen deutschen Jugend, gesehen etwa unter der Repräsentanz der Freideutschen, und stelle diese Fragen. Es handelt sich um die Wiederaufrichtung des deutschen Volkes, diese eminent nationale Angelegenheit, um einen deutschen Nationalismus, der, ohne antisemitisch zu fühlen, sich dennoch einen deutschen Lebensweg und die lebendige Vereinigung mit echtem Deutschtum sucht, zurück — oder vorwärts — zu den Quellen des deutschen Geistes und Wesens, der dieses Wesen ins Volk hineinformen will und aus ihm herausholen. Erkannt und vorausgesetzt ist die Ver- *) Verlag Rütten und Loening.