Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 144 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Arnold Zweig: klärung vor allem des gemeinsam Bekämpften: der feigen, flauen, in der erniedrigten Gegenwart behaglich sich ausbreitenden, auf den puren Freß- und Herrscherfolg abzielenden Lebensteilung der Trennung von unverbindlichen „Idealen" und sehr verbindlichen „praktischen Erfolgen", der Trennung von schmuckhaft erniedrigtem Geist und sehr wirklich angebeteter Macht, von Kultur und Alltag — der Unschädlichmachung des Göttlichen durch private und öffentliche Realpolitik. Die Völker gehn zugrunde an der Autonomieerklärung des praktischen Erfolges, zu dessen Dekorierung und charmantem Aufputz kein geistiger Wert zu kostbar ■— und keiner untauglich ist. Dies ist die Seuche, die die Menschheit heute befallen hat; gegen sie stehn die Leidenschaftlichen und Redlichen aller Völker in gleicher Front. Und man macht sich untauglich zum Kampfe, man verstümmelt sich selbst, wenn man sie auf den Namen irgendeines Volkes tauft, sei es das jüdische, englische, amerikanische: anstatt zuzupacken wo sie am nächsten und nicht weniger verwüstend zu Tage liegt: am eigenen Volke. Charity begins at home: man habe diese Nächsten- und Menschenliebe erst in den Augen, dann im Tun, und das Problem der Gegenwart ist nicht nur gestellt sondern halb gelöst, wenn nur Jugend nicht lassen kann das auch zu leben was sie erkannte. 8. Man kann Zustände nicht reinigen ohne die Menschen zu verändern; und Menschen nicht verändern, ohne sie gesehen zu haben. Gibt es aber in Deutschland etwas Unbekanntes, so ist es der deutsche Mensch. Wohlbekannt ist seine öffentliche Maske, die Angesichter nämlich der politischen Parteien, denen er sich zurechnet: und jede dieser Masken ist starr, falsch, nur scheinhaft gültig. Es handelt sich nicht nur um die bestbekannte und -beschriebene dieser Erstarrungen und Verzerrungen des lebendigen Volks¬ und Menschentums, die bürgerliche; sie ist seit Nietzsche und Flaubert von Sombart, Scheler, Blüher ingrimmig genug beschrieben worden. Jede Partei stellt heute eine solche dar; was an lebendigen Menschen, an unverfälschtem Leben und redlicher Beseeltheit hinter auch diesem „Bürger" steht, mag einmal übersehen werden, wenn das Bürgerliche hochgradig identisch mit jenem bekämpfenswerten Ungeiste ist, der eben genannt wurde. Wie aber Jugend sich mit den Masken auch der Demokratie, des Sozialismus und Kommunismus begnügen kann, um ohne näher, genauer, leidenschaftlicher hinzusehen, dagegen in den Kampf zu rücken, das ist schwer begreiflich. Wie das gemeint sei, muß erklärt werden, denn der Sozialismus Landauerscher und Buberscher Prägung, der religiöse Sozialismus ließe es wahrscheinlicher, daß auch hier die Verwechselung von Maske und Mensch begangen werde, von Wirkung und Antrieb, von Schein und Realität. Der atheistische und materialistische Sozialismus marxistischer Prägung, praktisch dem Anschein nach auf eine Pleonexie und Machtgier der Armen hinauslaufend, ist heute eine Kirche und Konfession wie jede andere auf der Erde. Er leugnet die geistige Freiheit und göttliche Durch-