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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 143

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
Date
1921-01-01
Page
143 (sequence 7)
Language
German
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Der Antisemitismus und die deutsche Jugend 143 demiker, die mit dem steten Blick auf Führerschaft erzogen wurde: sie sollte dem Heere die Offiziere stellen. Sie hat es zwar getan; aber indem sie die Stadien ihrer militärischen Ausbildung „von der Pike an" im steten Bewußtsein durchlief, dies sei nur ein wesentlich transitorischer und Puppenzustand, den sie am Ziel, als blendender Falter, gründlich vergessen dürfe, ja für den sie werde entschädigt werden, verschloß sich ihr von vornherein fixierter Blick für diejenigen Existenzen, deren ganzes militärisches Sein sich als niedere Raupe und passive Puppe abspielte — und auch das Militärische, wie alles Vergängliche, war nur ein Gleichnis und als solches, fürs ganze Leben der Nation, auch dumpf und stark empfunden — für die Mannschaft, fürs Volk. Diese Führer hatten, von individuellen Ausnahmen abgesehn, schon längst niemanden mehr hinter sich, der ihnen, innerlich gemeint, noch folgte, und heute steht man vor dieser Kluft, um sie dem Wühlen von Juden zuzuschreiben. Ja, es ist wohl wahr daß die bürgerliche, die gebildete Jugend dem Volke Führer geben sollte und kann; aber dieses Führertum entsteht nur durch Vertrauen. Vertrauen aber erwirbt man sich nicht einmal durch Schmeicheln und nach dem Maule reden, sondern durch menschliches Sein und den Geist der Leistung, durch Hingabe ans Allgemeine, durch Dienst am Volke und am öffentlichen Wohl: durch Verzicht, Unterordnung und Demut des Herzens . . . keinesfalls durch das ungehemmte Bekennen und Betätigen irgendeines Differenzaffekts, durch Nationalismus. 7- Deutsche Jugend und jüdische Jugend, Volk hier und da: was wir anerkennen is.t Scheidung auf Grund von Wesensverschiedenheiten, ohne Entwertung des anderen Seins — ritterliche Abgrenzung der Zonen, klare Er- Lebens, Heiligung des Lebens brachten, und daß sie alle ihre Großen in einer Epidemie von Unbeachtetheit und Kälte verelenden und verrecken ließen, ohne Pietät sogar noch hundert Jahre nach ihrer Geburt — siehe die Kelter, 1919 an die Stelle von Hölderlins Geburtshaus gesetzt, siehe Bachs unauffindbares Grab und Schillers aufgestöberten Schädel — das seien nur zwei Beispiele zweier unbestreitbar genialen Völker. Und zweitens: wir Juden litten an einer-überstarken Tschandala-Produktion? Oder nicht vielmehr an dem Mangel^einer geeigneten, nämlich verdeckenden Berufsgruppe für sie? Blühers Blick verrät den Menschen, der literatischen Herkunft. Denn in dem Augenblick, wo diese „Tschandala" neben den entsprechenden deutschen Typ, den snobistisch die Oberen imitierenden mittleren Beamten der geistigen Karrieren gehalten werden, zeigt sich, daß dem jüdischen Volke nur die Aemter für sie fehlen, um aus ihnen unbemerkbare amtsgerechte Funktionäre zu machen. Wir haben ihrer nicht mehr als alle anderen Völker sondern nur sichtbarere, weil sie ortslos und darum störend zwischen die Schaffenden geraten, zu intellektuell um nach unten zu sinken Als Oberlehrer, Assessoren, Verwaltungsbeamte und Offiziere wären sie an ihrer Stelle — wie die heutigen europäischen, nicht idealer — und ihre Unruhe könnte sie nur fördernder, Mißbräuche enthüllender machen, indem der deutsche Tschandala den Mißbrauch sanktioniert und aus ihm Nutzen zieht Wer erst von Gnaden der französischen Revolution Staatsdiener werden durfte und nun nichts besseres weiß als den Junker zu kopieren, der ihm, von sich aus, Epauletts und Amt standhaft verweigerte, ist Tschandala, nicht wahr? und gerade durch seinen Aristokratismus, seine Volksfeindschaft, Kirchlichkeit und als Apostel des Kadavergehorsams.

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