Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 142 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Arnold Zweig: in Blühers Geschichte dieser Jugendrevolution. (Nur daß es eine deutsche, das heißt autonome, nicht unter Geistesgebot stehende Revolution war.) Denn eine Jugend die zu sich zurückfindet ist erst halb angelangt: die andere Hälfte des Weges heißt: wohin jetzt mit mir? in wessen Dienst? und wo ist das Große, in das ich münden kann? die gelebte und verkörperte Idee, für die mein Leben in die Schanze geschlagen werde? In wessen Dienst? Aber die deutsche Jugend sagt heute Dienst und meint Führerschaft, gemäß dem preußisch-deutschen Lexikon „Staatsdiener siehe Volksbefehliger". Und niemand geringerer als Hans Blüher, dieser „auch im. Irren noch achtunggebietende Geist", bestärkt sie in diesem Irrtum, Er tut es freilich nur, wenn sie ihn mißversteht und dem Sinne seiner Ausführungen, vor allem dem Sinne seiner, Blühers, eigener Entwicklung nicht folgt, die er heute zwar verwirft und umdeutet, die aber dennoch eine objektive Geltung für Jugend, und gar für deutsche, zu haben scheint. Gleichviel: in seiner wichtigen und jugendbildenden Rede „Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus"*) deren auf Juden bezügliche Anschauungen und Urteile hier nicht erörtert werden können, denn sie haben, auch wo sie verwerfen, mit Antisemitismus nichts zu tun -rr *n dieser 1919 gehaltenen Rede findet sich kurz vor der zusammenfassenden Forderung: „Die wirkliche Fülle des schaffenden Glückes kann für die Jugend nur kommen durch den Dienst an dem überlegenen und schaffenden Menschen" der Satz; „So werdet ihr ein Stand sein, der es nicht nötig hat, zu den politischen Parteien zu gehen, sondern zu dem man kommen wird, als zu dem Fonds des besseren Menschen". Wohl; zu den Parteien und Parteimaschinen nicht; aber was sind Parteien? doch davon gleich; hier ist dem Sinne nach gesagt: sie werden kommen und sich Führer holen. Ich hätte diesen Satz zwar gemeint aber verschwiegen, indem ich Blühers ausgezeichneter Formel „Persönlichkeit kann man nur aus Versehen werden" in Gedanken sofort hinzugesetzt hätte: „und Führer auch". Führer wird man nur indem man nicht darauf abzielt es zu werden, indem man überhaupt auf Möglichkeiten solcher Art seine Aufmerksamkeit nicht lenkt. Schon solche Blickrichtung kann pervertieren, und in bösen Zeiten, unseren Zeiten, muß sie's fast. Hier liegt der objektive Grund zum Mißverstehen jenes Satzes, in den Dingen, nicht in Blühers Worten**). Es gab* eine Jugend, und heute ist sie im Vordergrund der Aka- *) Anthropos-Verlag, Prien, Obb. **) Dagegen kann es der Sache nur dienen, wenn auf der Stelle zwei Ausprüche Blühers mit Skepsis gesäuert werden: wir Juden seien nicht nur „auserwählt** sondern auch das „verruchte Volk**? Das stimmt — wenn man hinzusetzt, daß jedes Volk, sofern es überhaupt einen besonderen Genius verkörpert, in solchen Spannungen auseinanderstrebt. Daß etwas die Griechen zwang, jeden ihrer echten Führer alsbald zu entfernen, um des Niveaus, des Gleichgewichts, der Polls willen und die zweideutige Natur ihrer Bestgeratenen; daß die Deutschen von allen ihren Künstlern und Dichtern nicht gezwungen werden konnten die Kunst ernst, nämlich lebensordnend, zu nehmen — daß sie es nicht welter als bestenfalls bis zur Persönlichkeitsbildung durch sie, nie aber zu einer Gemeinschaftsbildung des