Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Antisemitismus und die deutsche Jugend 141 Arbeitsmöglichkeiten, deren feinste Blüte das Taylorsystem darstellt? Dehmels Wort: „Nur Zeit!" schrie aus dem Kern und Herzen der Lebensstimmung. Aus der Verkürzung der Arbeitszeit folgt die Erhebung des Arbeitenden zur Kultur, und mit ihr wird die normale, nämlich unenthusiastische, der Wesenslage einfach entsprechende Emporwertung der Körperarbeit wieder kommen. Jugend aber, die den nationalen Dingen selbst ins Antlitz zu sehen wünschte, hätte schon jetzt, im Augenblick, durch Disziplin des Herzens, mit dieser Umwertung beginnen dürfen. Vielleicht gibt es dann, 1990, einen deutschen Dichter, der Kellers sonnenleuchtendes Gedicht vom Fähnlein der Sieben Aufrechten für neue Verhältnisse schreibt, zur Glorifikation des dann tragenden und schaffenden Typs des niederen Volkes — aber wer versteht heute Dichtungen richtig zu lesen, geschweige die Kunst sie in zukünftige ja nur gegenwärtige Gestalt zu transponieren? Diese beiden Forderungen an sich stellen und im Willen annehmen ist leicht getan. Es handelt sich aber darum: sie zu leben. Nicht in Gesprächen oder Geschreiben annehmen, sondern sie tun, bis sie eingefleischt sind. Damit rührt man im Deutschen an die entscheidende Blöße. Daß Geist gelebt sein will, daß nur gelebter, getaner Geist wirklich Geist ist — dem Volke der Ideen, Systeme und geistigen Arbeiter, welches sich die Regelung des Lebens von Herrschern und Bischöfen hat auferlegten lassen, bevor es Bürgern dies Amt überantwortete, ist Geist heute identisch mit abstrakt, gedacht, logisch, unwirklich und unpraktikabel. An der Frage, ob die deutsche Jugend diese Definition und jene Trennung weiter mitmachen wird, entscheidet sich vieles. Vieles auch an der, ob sie versuchen wird, aus der Negation des Undeutschen herauszukommen, indem sie es durch Geschaffenes bekämpft — Geschaffenes, das ohne Programm, Seitenblick und angestrebte Deutschheit entstehen müßte, leidenschaftlicher Ausstrom und Erguß eines aufgerüttelten Seins. Es brauchte auf Tradition nicht zu verzichten, es dürfte sich sehr wohl auf die — noch ganz ungeschaute — deutsche Historie nicht der Schlachten aber der geistigen Taten gründen — und wenn eine deutsche Jugend dann noch Kraft, Zeit und Lust zu Antisemitismus haben sollte, wollen wir ihn uns gern auch einmal von der andern Seite, der der Judenfrage her, anschauen. Aber dies Ding wird Weile haben. g# Die nationale Jugend jedenfalls, welche heute Politik treibt und zwar antisemitisch fundierte, und diejenige, welche ihren biologischen Aesthetizismus — denselben Aesthetizismus, dessen geistige Spielart sie ihren Antipoden, den jüdischen Literaten, scheltend vorhält — zu einer selbstvergötternden Ideologie verarbeitet hat, und zwar auch zu antisemitisch fundierter, die Wandervogel-Jugend, tut diesen nationalen Forderungen nicht genug. Es genügt aber vom wahrhaft nationalen Ende aus gesehen nicht, sich der Verdienste dieser Bewegung zu erinnern. Befreiung der Jugend zu eigener Lebensform, Befreiung des Naturerlebens und des Eros: so fing es an; den Rest lese man