Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Arnold Zweig: genau die gleichen Ziele und genau den gleichen religiösen, widerkirchlichen Unterton, und ist keinen Augenblick unradikaler gewesen als diejenige des norddeutschen Großstadtproletariats. Aber die bürgerliche Jugend bezieht ihre Menschenkenntnis aus der Zeitung und einer dieser ebenbürtigen Makulatur; daher hält sie das sozialistische Volk für verführt, nämlich für saudumm — für Mannschaft einfach, der mit vaterländischem Unterricht aufgeholfen werden muß. Sie zieht das Volk vor, welches ihren romantisch-reaktionären Volkslieder- und Volkstumneigungen zu entsprechen scheint; zieht das ideologisch und professoral gesiebte und destillierte Volkstum vor und wirft den Rest zum Pöbel. Das deutsche Volk sei von je her konservativ? Ganz recht; deshalb auch hat es seine auf soziale und menschliche Gerechtigkeit leidenschaftlich verweisenden Instinkte ebensowohl konserviert wie seine Trachten, Lieder, Sitten und seine Loyalität gegen gute Herren. Der preußische Junker war, und ist noch heute öfter als der Parteibonze zugibt, ein guter Herr; das System der wirtschaftlichen Knechtung aber, das kapitalistische System, ist der kälteste, frechste und roheste Tyrann, den es auf Erden je gegeben hat, und da, wie für jeden Denkenden Landauer aus dem Geiste, Oppenheimer aus der Wissenschaft her, bewiesen haben, in der Bodensperrung durch den Großgrundbesitz verwurzelt ist, steht auch der menschlich redlichste Grundherr auf der bösen Seite. 5- Was also, noch einmal gefragt, soll eine nationale Jugend tun? Zuerst und zuletzt: das Volk sehen lernen; davon später noch ein Wort. Ferner: bei sich mit den ödesten bürgerlichen Vorurteilen aufräumen, deren verhängnisvollstes die Verachtung der körperlichen Arbeit und des körperlich Arbeitenden darstellt. Keine Phrase ist heute widerlich verlogener als die der Achtung vor dem Mann im schlichten Arbeitskleide. Tatsächlich deklassiert heute die Körperarbeit, dies schmutzige, schwitzende, grobe Händewerk — nicht vom Amateurarbeiter sondern als Beruf, ein Leben lang getan — den Menschen automatisch: er verliert seine Klasse. Beweis: der Kasinogeist, der die Eignung zum Offizier feststellte und der noch heut, heut erst recht, den offiziellen Teil der deutschen Studentenschaft beherrscht. Grund: die körperliche Arbeit, die Fabrikarbeit vor allem, aber jede ähnlich betriebene Arbeit (im Baugewerbe z. B.) erniedrigt den Menschen wirklich; sie macht ihn schwer, stumpf, ungewandt und entfremdet ihm die geistige Offenheit und Freiheit des Blicks, wenn er nicht von Geburt an auf sie trainiert ist, und selbst dann für alle geistigen Angelegenheiten, die sich nicht unmittelbar auf die Lebenssphäre, die Lebensnöte und ihre Minderung beziehen: geformt durch seine Umwelt ergießt sich die ganze Denkfähigkeit des Arbeitenden in die Probleme der Wirtschaft und der Politik — alles andere, das heißt also alles was das Leben des Menschen zum Leben macht, wird Randzone des Blickfeldes oder unsichtbar. Wo aber steht geschrieben, daß dies so sein müsse — wenn nicht in den Gesetzen der kapitalistischen Auspulverungstheorie der