Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Antisemitismus und die deutsche Jugend 139 jüdisch oder international. Deutsches ist nicht, es wird, jede große Gestalt erweitert, erhöht oder erniedrigt das Wesen der Nation, und die Vokabel „undeutsch" ist stets die Vokabel eines Fehlurteils gewesen, das nach dreißig Jahren niemand vertreten haben will. Und ebenso-falsch ist das auszeichnende Prädikat „deutsch" als wertendes Wort. Nie sind einzelne Werte nationale Charakteristika; vielleicht ist es nach Jahrhunderten einem Urteiler möglich, die Systeme von Vorzugsgesetzen, die Moralen, unter nationale Kategorien zu bringen; heute, unwissend in allen Dingen des geistigen Gebietes wie man sich bekennen muß, heißt urteilen einfach sich übereilen. 4- Und was also bleibt der Jugend übrig, die ihr Volkstum liebt und stärken will? Merken wir zunächst einen kleinen Unterschied an zwischen der deutschen und, soweit sie uns bekannt, der ausländischen, etwa der englischen, russischen oder italienischen bürgerlichen Jugend. Diese Aus-, länder lieben das Volk und gehen aus, ihm zu helfen; wo sie sich gerade befinden, in den Straßen der Großstädte, in den Industrievierteln, eröffnen die englischen Studenten ihre Settlements. Sie scheiden nicht zwischen Volk und Volk; sie vertrauen den bauenden, bildenden, zwingenden Kräften des Geistes, das heißt des Lebens; sie bejahen das Volk als Ganzes und im jetzigen Stadium seines Daseins: denn sie sind national. Ein Boden das heißt eine Heimat, eine Sprache das heißt ein Geist, ein Blut das heißt ein Sinn: so lauten ihre Voraussetzungen. Sie wollen horchen wie das Volk ist, nicht mit einer hochmütigen und phantastischen Romantik nach der Ideologie der bürgerlichen Kategorien ihm vorschreiben, wie es zu sein habe: und darum sind sie national. Hier werden nicht Entartungen vergottet oder Fakta angebetet, sondern in der Form heutiger Lebensstimmungen werden die dauernden, unverlöschbaren, in den paar Jahrhunderten seit dem Anbruch der Leibeigenschaft kaum modifizierten Impulse und Lebensordnungen des niederen Volkes gesucht und verstanden — ganz einfach weil in diesen Ländern die Achtung vor dem Menschen, und dem konnationalen Menschenzuerst, größer ist als in Deutschland, wo man den Uebermenschen dem Volke gegenüber instinktiv darstellt, oder auch das niedere Volk als untermenschlich einschätzt . . . Man hat in Deutschlands Jugend, vom überwundenen Jingotum die Kleider erbend, den imperialistischen Nationalismus gelernt; den demokratischen aber, der in England seit Owen eine Tradition ist, hat man in der Schule des Lebens noch nicht „gehabt" — oder man hätte sich, nicht nur in Schlagworten sondern ganz lebendig, der großen unterirdischen deutschen revolutionären Tradition erinnern müssen, sie nicht nur als deutsche Einheits-, sondern auch als deutsche Freiheits-Bewegung wiedererkennend. Denn die Grundstimmung, die zur religiös-sozialen Bauernbewegung führte, der damals einzig legitimen Form der Revolution, ist heute in den proletarischen Abkömmlingen dieser alemannischen, fränkischen und thüringischen Bauern noch ebenso lebendig; sie hat 10*