Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Arnold Zweig: Deutschen erfüllen mögen, deren Sein sich in Stunden des Aufschwungs mit innerster Art und Geistigkeit des Volkes decken möchte das sie gebar und bildete; erraten und deuten wir ihre pulsenden Sehnsüchte und Ahnungen; tauchen wir unter die Oberfläche eines Denkens, das von jener fürchterlichen Ideologie verunstaltet wurde, die in einen Vers gefaßt aussagt, an deutschem Wesen werde die Welt genesen. Daß sie es nötig habe zu genesen sieht jeder; ob aber diese Ideologie nicht eine der Ursachen ihrer Verunstaltung ist, nicht vielmehr von denselben Ursachen hervorgetrieben, die zum heutigen Zustand führten: von Machtwahn, Zentralitätsaffekt und dem Mangel an Blick für fremde Werte — gehen wir hier nicht darauf ein. Mag immer der imperialistische und kapitalistische Geist die ahnungslosen Jugenden aller Völker in den Krieg getrieben haben: daß diese Jugenden begeistert gingen, daß sie wirklich den Ideologien folgten, die man ihnen voranführte, das ist keine Frage. Niemals ist das Feuer und die selbstpreisgebende Leidenschaft der Jugend dieser irdischen Westwelt furchtbarer gemißbraucht worden; niemals haben Greise — die Väter — ihre Söhne vergeblicher geschlachtet und, selbst belogene Lügner, furchtbarer belogen — sprechen wir zu dieser tragisch getäuschten und enttäuschten Jugend, zu unseren Kameraden von 1914 bis 18, die nun unsere Gegner sind: reden wir zu ihr von ihren eigensten, den deutschen Dingen, wie wir zur jüdischen Jugend von den jüdischen Dingen reden — nicht geringeren Ernstes und Geistes. 3. Wir wissen, daß sie zu den Quellen des deutschen Wesens hinabsteigen und aus deutschen Impulsen, Fähigkeiten und Idealen das gegenwärtige Leben nationalisieren will: und wer da sieht, daß im Grunde seit dem Dreißigjährigen Kriege das deutsche Wesen, wie es etwa musikalisch erfahrbar ist — gespeist von Italien und den Niederlanden und doch von göttlicher Autonomie — nicht mehr lebensgestaltend gewirkt, wie stets fremde Formgesetze das in sich unsichere und von siebzig lokalfürstlichen Politiken, von sieben bis zehn Stämmen tiefster Verschiedenheit zerteilte Deutschtum von unten wie oben im Wachsen gestört haben, wie französische und englische Kulturübermacht und die immer neu gesuchte hellenisch-römische Klassizität ein verfrühtes Europäertum ohne den Vorgang deutscher Festigung in diesen Geist hineinbildeten; wer sich auf die zur Volkstümlichkeit vorbestimmten Gestalten deutscher Prägung und ihre Isolierung besinnt, die mit Claudius beginnt und mit Stehr in die Gegenwart mündet — wer einen Anblick dieser Sachlage hat, wird diesen Antrieb verstehen und gutheißen. Warnen nur wird er vor der Grenzverletzung, als könne man nationale Kultur machen, machen wie man einen Verein für Heimatkultur gründet; als könne man aus der Gegenwart willkürlich Tendenzen sondern^ die einen für „völkisch", die anderen für „unvölkisch" erklärend; als könne man evident und täuschungsfrei scheiden, was aus der heutigen Malerei und Graphik, Literatur und Musik, sofern sie von Nichtjuden stammt, deutsch sei und was