Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Antisemitismus und die deutsche Jugend
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 137 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ARNOLD ZWEIG /' DER ANTISEMITISMUS UND DIE DEUTSCHE JUGEND*) 1. Im Grunde weiß man heute kaum, an welche Jugend der Deutschen man sich mit diesen Worten zu wenden habe: man sieht das Gegenüber nicht mit dem darüber zu reden wäre. Denn die weite nichtantisemitische deutsche Jugend, die es zum Glück noch gibt, und unter der, aus Jugend-, Friedens- und Kriegskameradschaft her, man Freunde und Gleichstrebende fand, bedarf dieser Untersuchungen nicht, und in der antisemitschen ist die vulgärste und affektblinde, zu der zu reden man sich vergeblich seines Niveaus begäbe, so vorn an daß auf Verständigung hoffen simpel wäre. Das Problem des jugendlichen Antisemitismus aber bleibt in seiner Realität denkwürdig — und man schafft sich den Ausweg, indem man an den Modus des von uns aristokratisch benannten Antisemitismus anknüpft, sich eine Jugend denkt, die ihn in sich vorfindet und bejaht, und zu ihr gewendet mitteilt, was man sieht — einmal annehmend, sie habe Dasein und wolle an keinem klar gedachten und redlich zur Sache geredeten Wort eines Juden vorüber gehen — was auch Parteischriftsteller an Warnungen davor autbrächten. 2% Man erwarte nicht, daß hier der Jugend das Recht zu leidenschaftlicher politischer Orientierung bestritten werde; und da ungehemmter und nahezu triebhafter Einsatz des ganzen Menschen ins Verfechten der angenommenen Ideen zum Wesen der Jugend gehört, ist ihr auch das Recht zugesprochen, ganz zu sein, was sie sein will. Was aber will die antisemitische Jugend sein? Antisemitisch schlechthin und als Selbstzweck? Keineswegs; sie ist es nur als Mitphänomen; sein und in wesentlichem Sinne sein will sie deutschnational. Verwerfen darf und muß sie, aber nur aus der Position heraus; aus dem bejahten und gesetzten Ideal folgt die Verwerfung des Gegenteils, das sie im Juden verkörpert findet, im Demokraten, im Sozialisten, im Anbahner internationaler Verständigungen und Verbindungen, Gesinnungen und Aktionen. Das sind positive Ziele und Werte; ihnen entgegen werden andere positive Werte gestellt. Entnehmen wir sie nicht irgendwelcher Literatur; lassen wir uns vielmehr auf die Stimmungen ein, die in weiter dunkler Ausdehnung die Brust jener jungen *) Diese Ausführungen ergänzen die Aufsatzreihe Über den gegenwärtigen deutschen Antisemitismus, die wir im vorigen Jahrgang veröffentlicht haben. (Anm. d. Red.)