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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 135

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Schrift und Religion [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
135 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Geschieht© 135 den heutigen Tag im Jüdischdeutschen die Schreibung eines Doppel-Waw üblich. Das von Mieses aufgestellte Prinzip, daß die Gründe für das Beharren wie für den Wechsei eines Alphabets nur in religiösen, nicht in sprachlichen oder rassenhaften Momenten zu suchen seien, verführt ihn dazu, den Juden jede Rassenkontinuität und -Zusammengehörigkeit abzusprechen, damit bei ihnen nur die Religion das einzig mögliche sohrifterhaltende Prinzip sei. Zu diesem Zwecke bringt er eine lange Reihe von Beispielen für die Missionstätigkeit des Judentums, das immer zahlreiche Rassenmischungen eingegangen sei. Seine Beweise sind aber nicht überzeugend, denn es handelt sich immer um vereinzelte Fälle oder um nicht nachweisbare Zusammenhänge. Auch sind viele dieser Proselytengruppen wieder in den ihnen verwandten Um Völkern aufgegangen. Richtig ist, daß die Juden nicht den reinen arabosemitischen Typus darstellen, das ist aber seit Jahrzehnten bereits von niemand ernstlich behauptet worden. Sicher ist auch, daß im Laufe der Jahrhunderte öfters fremdes Blut vereinzelt dem jüdischen Volkskörper zugeführt worden ist — dieser Umstand aber spricht nicht dagegen, daß die Juden dennoch eine einheitliche und, soweit dies überhaupt möglieh ist, konstante Volksgemeinschaft bilden. Aus seiner These, daß die Herübernahme einer Schrift bei sonstiger konfessioneller Abgeschlossenheit eine Unmöglichkeit ist, kommt Mieses a priori zu einem interessanten Ergebnis: die Quadratschrift, die bis jetzt allgemein als eine aramäische galt, ist eine autochthon jüdische Entwicklung der altsemitischen, von den Juden angenommen zur Unterscheidung von den Samaritanern, die an der altsemitischen Schrift festhielten. Eine empirische Stütze für seine Behauptung findet Mieses in dem Schriftcharakter der jüdisch aramäischen Dokumente aus Elephantine, deren Charakter der hebräischen Quadratschrift außerordentlich verwandt ist, während die eigentlich aramäischen- Inschriften der gleichen Zeit, des 5. vorchr. Jahrhunderts einen zwar etwas ähnlichen, aber doch selbständigen Charakter aufweisen. Außerordentlich zahlreich sind die Beispiele, mit denen Mieses von allen Seiten seine These stützt. Aus ihrem Hauptsatze folgt selbstverständlich einerseits, daß dort, wo synkretistische Religionsformen entstehen, sich dieser Zwittercharakter auch in der Schrift spiegelt, andererseits, daß mit Auflösung der Religion auch dies beharrliche Festhalten an der Schrift schwindet. So hat auch das Judentum, wenn seine religiösen Zustände die feste Starrheit und Integrität verloren, sich fremder Schrift bedient. Unter den Problemen der Schrift beschäftigt Mieses auch das der Schriftrichtung. Ursprünglich scheinen alle primitiven ideographischen Systeme von rechts nach links geschrieben worden zu sein. Mieses gibt dafür dreierlei mögliche Erklärungen: durch die Natürlichkeit der Llnksläufigkeit der Handbewegung (so wird auch genäht, geschnitten, geschoren,) durch eine biologisch-physiologische Veranlagung (die Eiweißkörperchen im Menschen sind nicht rechts-, sondern nur linksdrehend) und eine astralmythische, die mir die richtige erscheint. „Der Göttersitz war bei den alten Aegyptern, Assyrern, Indern, Römern, Griechen und Germanen im Norden, am Polarstern, dem einzig unbeweglichen Teil des Himmels. Wenn man nun mit dem Gesichte nach dem Norden steht, so ist der Osten rechts und der Westen links und die Sonne erscheint als von rechts nach links wandelnd." Daß auch bei den Juden der Norden der Göttersitz in ursprünglich mythologischer Ueberlieferung war (die spätere nationale Ueberlieferung verlegte ihn bekanntlich in den Süden), dafür bringt Mieses zwei Beispiele. Die alten jüdischen Synagogen in Galiläa, deren Ruinen sich bis heute erhalten haben, waren alle nordwärts gebaut, und die Juden opferten nordwärts gewandt (Lev. 1,11). Diese Beispiele lassen sich aber vermehren und es ist für mich kein Zweifel, daß im alten Israel vormosaische, aber stets weiterwirkende mythologische Tradition den Göttersitz im Norden fixierte. Darauf deutet die Stelle Jesaja 14, 13, daher kommt in der Vision Ezechiels 1,4 Gott vom Norden, und im alten Hiobliede, das gerne vormosaische Anschauungen festhält, steht Hi 26,7 „Norden" gleichbedeutend mit Erde, als Gegner des Chaos. Auch die uralte eschatologische Vorstellung im Judentume, daß das vernichtende Unheil, der Tag Jahwes, aus dem Norden kommen werde, erklärt sich nicht allein, wie es gewöhnlich getan wird, aus der geographischen Lage der großen Israel und Juda bedrohenden Weltreiche, sondern aus der Annahme des Gottessitzes im Norden. Die Veränderung der Schriftrichtung führt dann Mieses auf konfessionelle Gründe zurück. Die gleichen Gründe regulieren bei ihm auch die Verbreitung der Lesekunde. „Wo *die Religion einen Laiencharakter trägt und die Anteilnahme jedes Einzelnen an dem aktiven Gottesdienst allgemeines religiöses Gebot ist, dort wird auch die Lesekunde eine allgemeine sein. Wo jedoch eine Religion ihren Schwerpunkt auf die Mittlerschaft eines Priestertums verlegt, mit vollständiger Ausschaltung des Laienelements aus allen kirchlichen Handlungen, dort wird die Kenntnis des Alphabets mehr oder weniger ein Monopol der Priesterschaft sein und das Volk in einem starren Analphabetismus verharren." Aber nicht nur in ihrem äußeren Schicksal* wird die Schrift von der Religionsgeschichte normiert. Sie teilt auch den Innern Charakter der Religionen. „Alle Völker der Erde wahren den Schriftzeichen gegenüber eine gewisse überirdische Scheu, die oft mit einem magischen

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