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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 134

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Schrift und Religion [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
134 (sequence 2)
Language
German
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134 Umschau: Geschichte licher oder kultureller, sondern in religiöser Zugehörigkeit hat. In den Zeiten, wo dies nachprüfbar ist, war es stets die Religionspropaganda, die Verbreitung neuer Glaubenslehren, die Schriftgattungen in die Ferne trug. „Die Nationen, denen das Sonnenzeichen einer neuen Offenbarung aufging, und die dem Glaubensanschluß die Rezeption eines neuen Alphabets koordinierten, waren nicht immer kulturlos, einer eigenen Schrift bar," aber „der Wechsel der Religion erzeugte bei ihnen mit eiserner Notwendigkeit den Wechsel der Schrift, das Auflassen des alten, historischen, .wurzelhaften Landesalphabets und die Annahme einer neuen, für die gegebene, neue einziehende Religion charakteristische Alphabetgattung. u Aus den zahlreichen Beispielen, die Mieses zur Stütze seiner These vorbringt, seien die mit der Expansion und Missionstätigkeit des Mosaismus verbundenen hier erwähnt. Es ist bekannt, daß Jahrhunderte hindurch der Mosaismus eine lebhafte Propaganda getrieben und zahlreiche Anhänger insbesondere in den sozial und intellektuell höherstehenden Kreisen gewonnen hat. So erklärt Mieses die Uebernahme einiger Schriftzeichen der hebräischen Schrift oder die Anlehnung an sie durch die Nabatäer und die Palmyraner damit, daß es unter diesen zwei Stämmen zahlreiche Bekenner des jüdischen Glaubens gegeben habe. So war bekanntlich die Kaiserin des Orients Zenobia, die Herrscherin Palmyras, judaislert und ließ auch in Aegypten eine Synagoge restaurieren, wie inschriftlich bezeugt ist. Bekanntlich gibt es in Abessynien eine jüdische Sekte, die Falaschas, die ethnographisch nicht mit den Hebräern verwandt ist. Diese Falaschas, einst viel zahlreicher, vermochten im 9. Jahrhundert die christliche Dynastie zu stürzen und die jüdische Dynastie der Zagne behauptete sich bis 1262 auf dem Thron. Seit jener Zeit sind in den Kinderfibeln, wie Mieses anführt, die äthiopischen Konsonanten nach der Reihenfolge der hebräischen geordnet. Ebenso übernahmen die Chazaren mit der jüdischen Religion auch die jüdische Schrift und die vereinzelten hebräischen Buchstaben in altarmenischen Amuletten führt Mieses ebenfalls auf eine Glaubenspropaganda des Judentums in diesem Gebiete zurück. Tatsächlich bekehrte sich zu Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung König Polemon II. von Pontus zum Judentum und heiratete die Witwe nach dem jüdischen Fürsten Herodes von Chalcis. Im 4. Jahrh. finden wir in Kappadozien die judaisierende Sekte der Hypsistarier, der der Kirchenvater Gregor von Nazianz entstammte, und bis ins 9. Jahrh. bestand die den Sabbat hütende Sekte der Athinganen, der ursprünglich auch der byzantinische Kaiser Michael II. angehört hat. Seine Behauptung stützt Mieses dann durch eine negative Beweisführung. Er zeigt, daß der Wechsel der Sprache keinen Einfluß auf den Bestand des für diese Sprache charakteristischen Alphabets hat. Ein Volk, das seine Religion unverändert beibehält, wird nie gleichzeitig mit seiner Sprache sein Alphabet aufgeben wird nie mit dem fremden Idiom auch die für dies Idiom gebräuchlichen Schriftzeichen annehmen. Die Schrift führt ein von der Sprache unabhängiges Dasein und kann einzig und allein durch einen religiösen Umsturz beseitigt werden. Neben zahlreichen, sehr interessanten und wenig bekannten Beispielen aus allen Sprachkreisen bieten natürlich die Juden für diesen Punkt ein hervorragendes Beweismaterial. Der Jude nahm in der Diaspora fremde Sprachen sehr leicht an, hielt aber zähe an seiner Schrift fest. Bekannt ist, wie große Teile der jüdischen Literatur in syro-aramäischer und in arabischer Sprache, aber dabei immer in hebräischer Schrift abgefaßt sind. Beide Erscheinungen finden sich noch heute. So erscheint in Kalkutta „The Jewish Gazetta Paerah" in arabischer Sprache und hebräischer Schrift. Weniger bekannt ist, daß es aus dem späteren Mittelalter eine ansehnliche Literatur der griechischen Juden in neugriechischer Sprache und hebräischer Schrift gibt. Auf Korfu ist diese Literatur noch heute lebendig. Dort erhielt sich auch bis ins 19. Jahrh. eine hebräisch geschriebene Literatur in italienischer Sprache, deren Umfang in Italien selbst — wohl infolge christlicher Verfolgungen — nicht allzugroß ist. Von den anderen romanischen Sprachen hat nicht nur das Spanische, sondern auch das Französische und das Froven9alische seine Vertreter in hebräischer Schrift, letzteres dabei noch heute nicht völlig außer Gebrauch. Die große Literatur im Jüdisch-Deutschen ist bekannt, aber auch das Hochdeutsche wurde sehr lange, bis in unsere Tage, mit hebräischen Lettern geschrieben. Auch in persischer Sprache wurden nicht nur die altjüdischen Quellen, sondern auch zeitgenössische jüdische Dichtungen wie auch die klassischen persischen Werke mit hebräischer Schrift geschrieben, was sich heute noch außer auf dem Iran auch unter den kaukasischen Bergjuden und unter den bucharischen Juden in Turkestan und Jerusalem erhalten hat. Dabei paßte sich die hebräische Schrift den arischen Sprachen, insbesondere dem Deutschen an. Wie einst die Griechen die phönizischen Aspirata und Halbvokale (Aleph, Ajin, Waw, Jod) verwendeten, um Vokale zu bezeichnen, so taten die Juden bei der Umschrift deutscher Vokale. Auch die einzelnen Buchstaben erfuhren eine Umgestaltung. In älteren jüdisch-deutschen Schriftwerken besitzt das Waw den Lautwert F. Dieser Lautwandel entspricht der Umwandlung des lateinischen U in das deutsche V, das F gesprochen wurde. Und analog wie man im Deutschen das Doppel-V (W) zur Bezeichnung des ursprünglichen Waw-Lautes einführte, so wurde auch bei den Juden bis auf

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