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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 136

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Schrift und Religion [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
136 (sequence 4)
Language
German
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136 Umschau: Geschichte Wunderglauben verknüpft ist." Nicht nur bei den primitiven Völkern, auch bei Chinesen und Juden, besitzt alles Geschriebene Zaubermacht, ist göttliches Zeichen, göttliche Erfindung. Der südliche Hindu geht an das Bücherschreiben mit religiöser Vorsicht heran, die alte chinesische Kwa-Schrift enthält nach chinesischer Meinung Aufschluß über die höchsten Geheimnisse. Außerordentlich zahlreich sind die Beispiele, die Mieses für dieses Bereich aus dem Judentume beibringt. Neben vielem Bekannten findet man da auch manches, was den meisten neu sein wird. Ist es nur Zufall oder bloß durch die Abstammung erklärlich, daß der Verfasser aus den Judentum und aus den unter jüdischem Einfluß (wie er selbst zugibt) stehenden Christentum soviel -mehr Beispiele bringen kann als aus allen anderen Religionen und Völkern zusammen? (Die ersteren nehmen 45, die letzteren nur 14 Seiten ein.) Sollte nicht da eine allgemein religiöse Vorstellung bei den Juden infolge ihres spezifischen Volkscharakters stärker akzentuiert sein als bei anderen Völkern? Hängt das nicht damit zusammen, daß die allgemein menschlichen Fähigkeiten für Gehöreindrücke, Wortklänge, logische Beziehungen. Zahlen und Rhythmen bei den Juden (auf Kosten anderer Fähigkeiten) stärker entwickelt sind als bei den meisten Völkern? Nachdem der Verfasser von den verschiedensten Seiten her den organischen Zusammenhang zwischen Schrift und.Religion festgelegt hat, untersucht er die Ursache und logische Voraussetzung dieses Zusammenhanges. Er findet das verbindende Glied zwischen den gesamten Erscheinungen der Schriftgeschichte und denen der Religionsgeschichte in der zentralen Religionsurkunde. Bei den meisten Völkern noch heute, in Europa aber bis vor hundert Jahren, bestand der Zweck alles Unterrichts darin, die Religionsurkunden lesen zu lernen. Der primitiv mystische Charakter der Schrift erklärt sich aus ihrer Entstehung, ob man dies auffassen will, daß alle Schrift auf Bilder zurückgeht und diesen Abbildungen (die oft Totemtiere und ähnliches zum Inhalt gehabt haben) Zauberkraft innewohnt, oder einfach so erklären, daß sie bereits als Fixierung der aus Lauten bestehenden Namen die Zauberkraft von diesen Namen borgten. Mieses' Buch ist außerordentlich reich an Materialien für den Historiker und Religionsforscher und enthält auch viele neue und anregende Gedanken. Er sucht vor allem die Bedeutung der Religion für das geistige und geschichtliche Leben des Menschen zu betonen; er irrt, wenn er der Wissenschaft den Vorwurf macht, dies nicht genügend zu tun. Die Soziologie und Ethnographie Ist in vielen ihren Schulen diesen Fragen nachgegangen. Berechtigt ist nur sein Wunsch, auch die psychologische Eigenart religiöser Gemeinschaften möge näher untersucht werden. Es ist kein Zweifel, daß nicht nur völkische Zugehörigkeit, nicht nur geographisches und Berufsmilieu, sondern auch die religiöse Gemeinschaft Menschengruppen psychologisch differenziert. Max Weber hat dies für die Puritaner untersucht. Aber wie jede einseitige Vorliebe "führt auch Mieses die seine zu einer Üeberspannung des Prinzips. Er sieht überall nur religiöse Kraft und läßt ethnische oder rassenhafte nicht gelten. Auch das Judentum gilt ihm als religiöse, nicht als Volksgemeinschaft (weswegen er auch immer den Ausdruck Mosaismus vorzieht). Aber die Schöpfung einer Religion wie auch die Spaltung von Religionen ist kein Zufall; mag die Schrift durch die Religion bestimmt werden (obwohl dies nur von der übertragenen, nicht von der autochthonen Schrift gilt), wichtiger ist die Frage: welches sind die Faktoren, die autöchthoner Religionsentwicklung und -Spaltung zugrundeliegen? Es sind dies zweifellos ethnischpsychologische Faktoren. Die ursprüngliche Religion ist eine Funktion des Volksgeistes, von ihm geschaffen und dann tausendfach in einem selbständigen Leben wieder auf ihn zurückwirkend. Selbst durch Waffengewalt oder Propaganda von außen Übernommene Religionen erfahren durch die Veranlagung des betreffenden Volks eine spezifische Wandlung. Mit dieser prinzipiellen Reserve ist aber Mieses* Versuch als eine wertvolleBereicherung unserer Kenntnisse auf dem Gebiete der Zusammenhänge des religiösen und kulturellen Lebens anzusehen. Hans Kohn. Ber ichtigun g: Im 1. Heft, S. 6, Z. 13 v. u. ist statt „eine und" zu lesen: und eine. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Gustav Krojanker, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Zahn « Baenücl. Kirchhain N.-L.

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