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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Juden in Bulgarien
Date
1921-01-01
Page
132 (sequence 4)
Language
German
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132 Ümschau: Berichte von jüdischem Leben und der Oberrabbiner als geistliches Oberhaupt empfängt sein Gehalt vom Kultusministerium, Ebenso erhalten Konsistorium und Gemeinden Subventionen. Das Budget des Konsistoriums betrug 1920—21 249200 Leva, die von den einzelnen Gemeinden aufgebracht wurden. In den Ausgaben des Budgets fungieren auch 5000 Leva als jährlicher Beitrag für den jüdischen Nationalfonds. Das Konsistorium veröffentlicht ein offizielles Bulletin in bulgarischer und spaniolischer Sprache. Die Schulen selbst werden nur von den Gemeinden erhalten. Doch gibt seit 2 Jahren (infolge der Minoritätsschutz-Klauseln des Friedensvertrages) der Staat hierzu einen Beitrag. 1920 gab es 20 Schulen mit 141 Lehrern und 4365 Schülern. In fünf Städten (Sophia, Philippopel, Rustschuk, Warna und Pasardschik) waren mit den Schulen auch Progymnasien verbunden. Die Unterrichtssprache ist Bulgarisch und die allgemeinen Lehrgegenstände werden von bulgarischen Lehrern unterrichtet, da es keine jüdischen gibt. Doch werden-dem Hebräischunterricht wöchentlich 8-11 Stunden eingeräumt und die Erfolge sind nicht schlecht, obwohl das Lehrermaterial und seine Vorbildung viel zu wünschen Übrig läßt. Doch sucht man durch Errichtung von Kursen diesem Uebelstand zu steuern. Daneben gibt es noch in vielen Orten hebräische Kindergärten. Die spaniolische Sprache wird leider gar nicht gelehrt. Um diese Angaben durch ein Beispiel zu konkretisieren, will ich Zahlen aus der jüdischen Gemeinde in Philippopel anführen. Sie ist die zweitgrößte jüdische Gemeinde (ca 7000 Juden unter 70000 Einwohnern, Sofia zählt 25000 Juden unter 200000 Einwohnern). Der hebräische Kindergarten dort zählt 120, die Völksschule 400, das Progymnasium 130 Schüler. Von jüdischen Kindern besuchen nur 15 die christliche Volksschule, 44 das Progymnasium. (Es sind dies selbstverständlich die Kinder der Reichsten.) Das Gemeindebudget beträgt ca 800000 Levas, wovon mehr als die Hälfte durch direkte Steuer aufgebracht werden. Unter den Ausgaben steht an erster Stelle das Schulbudget mit 320000 Levas. Von dem. genannten Budget werden 40 0 dem Palästinakomitee in Rustschuk abgeführt, das die Aufgabe hat, die Emigration nach Palästina zu leiten und vozubereiten. So muß man feststellen, daß durch den Kampf, von dem wir vorhin gesprochen haben, ein stattlicher Erfolg erzielt, wurde. Die Männer, die ihn mit Aufopferung Jahre hindurch geführt habend waren mit unter den ersten Anhängern Herzls. Die zionistische Föderation ist in Bulgarien sehr stark, Beweiss dessen sind die mehr als 7000 Schekelzahler in diesem Jahre (fast 2o°/0 der gesamten jüdischen Bevölkerung). Vor allem nach San Remo war die Begeisterung in Bulgarien groß. Seither ist sie natürlich wieder stark abgeflaut. 4. Bietet also das Errungene auch ein schönes Bild, so muß man anderseits auch Schattenseiten sehen, die für die Zukunft Bedrohliches versprechen. Die Tat der Emanzipation ist geschehen, es existiert in Bulgarien ein modern organisiertes, national bewußtes, gefühlsstarkes Judentum. "Aber diese Stufe einmal erreicht, droht Erstarrung und ich sah nicht die Kräfte, die neues Leben brächten. Allgemein klagt man über den Indifferentismus der Jugend. Es gibt eine kleine Gruppe, die sich teils um den „Haibri Hazair** teils um den „Jewrejskl Pregled* schart, zwei Zeitschriften, die es versuchen, wertvolle kulturelle Anregungen der bulgarischen jüdischen Jugend zu vermitteln. Insbesondere die erstere Gruppe, deren Leiter bereits vorher in Rustschuk ähnliche und gediegene Revuen herausgegeben hatte, sucht auch die geistigen Bewegungen unter der jüdischen Jugend Mitteleuropas zu vermitteln. Im allgemeinen hat diese Jugend am meisten von dem russischen Zionismus gelernt, soweit er in russischer Sprache literarisch wirkte (Pasmanik, Idelson, Jabotinsky etc.). Das Hebräische wird von dieser Jugend zwar ziemlich fließend gesprochen, aber man ist (natürlich mit mehreren Ausnahmen) noch nicht so tief eingedrungen, um sich die Schätze der hebräischen Kultur und Literatur anzueignen. Auch zur Bibel und zur jüdischen Antike hat man ebenso wenig ein Verhältnis zu finden gewußt wie zur geistigen Tätigkeit der Diasporazeit, Eine kulturelle Jugendorganisation, die Histadruth, ist über das ganze Land verbreitet, zählt aber trotz der aufopfernden und vorbildlichen Arbeit ihres Vorsitzenden nur wenige wirklich aktive Mitglieder. Viel stärker verbreitet ist dagegen die jüdische Turn- und Sportbewegung. Einen Blau-Weiß gibt es nicht, aber dafür wandern die Turnvereine fleißig. Wie in allen Turnbewegungen aller Völker überwiegt auch, hier der „zeitgemäße** Geist der Aeußerlichkeiten und eines primitiven Nationalismus. Verhältnismäßig stärkeren Anhang hat unter der Jugend, besonderes in der Provinz, der Kommunismus gefunden. Diese Partei gibt auch eine eigene Zeitung heraus „Bratstvo** (Brüderlichkeit). Interessant ist, daß wie in Rußland das Jiddische, in Bulgarien von den Kommunisten das Spaniolische als die lebendige Sprache der Massen dem reaktionären Hebräisch gegenüber ausgespielt wird. Es müßten starke Anregungen kultureller und sozialreformatorischer Natur kommen, um die Jugend zu einer starken Leistung anzufeuern, wie sie die ältere Generation vollbracht hat. Und gerade das bulgarische Judentum lohnte es, wenn man sich um eine Intensivierung und Erneuerung seines jüdischen Lebens mühte. 5. Die Ökonomische Lage des bulgarischen Juden ist weder glänzend noch schlecht. Es

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