Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Juden in Bulgarien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106474--4900-3106551- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau: Geschichte 133 Überwiegt der kleine Händler und Kaufmann, der sich schlecht und recht durchs Leben schlägt. Doch trifft man auch reiche und sehr reiche Kreise, die aber meistens dem Judentume sich langsam entfremden und in scharfer Opposition gegen die zionistischdemokratische Partei stehen. Ein großer Teil des reicheren Judentums ist in Bnei- Brith-Logen organisiert. Während Landwirtschaft und Ackerbau unbekannt sind, finden sich unter den Juden zahlreiche Handwerker. Der Versuch, auf eine .Berufsumschichtung durch Gründung von Fachschulen, Kursen für manuelle Arbeit, Landansiedlungen hinzuwirken, wäre eine der sozialreformatorischen Aufgaben, von denen ich oben gesprochen habe. Die aschkenasischen Juden sind In den letzten Jahren hinzugekommen. Daß sie keine kulturelle Rolle spielen, erklärt sich daraus, daß sie aus ihrer Gemeinschaft gerissen sind, die meisten nur Interesse am kaufmännischen Gewinn in dieses Land geführt hat. Das Verhältnis zwischen ihnen und den Spaniolen ist äußerlich korrekt, innerlich aber nicht gut. Innerhalb der bulgarischen Gesellschaft spielen die Juden, wie ich schon erwähnt habe, keine Rolle. Ihre bürgerliche Gleichberechtigung ist seit Gründung des Staates Tatsache und die Regierung verhält sich meist korrekt. Größere Ausschreitungen kommen jetzt nicht vor, aber der Antisemitismus ist sehr stark. 1878 hatten die Juden sehr von den eben befreiten Bulgaren während des Krieges zu leiden und 1891 gab es in Wratza auch eine Ritualmordbeschuldigung. Nach dem Kriege, in dem die Juden sich vielfach ausgezeichnet haben (den Juden war der Offiziersrang zugänglich, während ihnen sonst der Staatsdienst praktisch, wenn auch nicht gesetzlich, versperrt ist), ist der Antisemitismus, wie überall, sehr gewachsen. Der jüdische Kaufmannstand leidet sehr unter der allgemeinen wirtschaftlichen Krisis und unter einer dem Kaufmannstande feindlichen Bauernregierung. So. sind die Aussichten für die nächste Zukunft trübe, aber es ist zu erwarten, daß die Energie des bulgarischen Judentums auch diese Hindernisse überwinden wird. Hans K o hn GESCHICHTE Schrift und Religion Die Teil el Amarnabriefe lehren uns, daß um die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt in Palästina die babylonische Keilschrift in allgemeinem Gebrauche war. Zur Zeit der israelitischen Königsherrschaft scheint daneben eine zweite völlig verschiedene Schriftart, zur Geltung gekommen zu sein, die westsemitische Buchstabenschrift, die dann über die erstere den Sieg davontrug. Mit Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung aber nehmen die. Juden eine andere, der westsemitischen Schriftart verwandte, gewöhnlich als aramäisch bezeichnete Schrift an. Dieser Sehriftwandel fällt mit dem Uebergange der bisherigen israelitischen Religions¬ und Kulturform in die endgültige jüdischrabbinische Fassung und mi* dem Beginn der Diaspora zusammen, während die Samaritaner, deren Religion- und Kulturform die Traditionen des Alten Testaments reiner bewahrt hat und die in Palästina geblieben sind, die alte westsemitische Schriftform beibehielten. Mit der Uebernahme der aramäischen Schrift aber war die Religions- und Kulturform der Juden endgültig festgelegt: sie blieben von da an auch der Quadratschrift treu und hingen ihr mit Zähigkeit an. Sie wechselten kulturelle Einflüsse, sie wechselten, wie kein zweites Volk, ihre Sprachen: aber ob sie in deutschen oder in spanischen Dialekten schrieben, das Alphabet, das sie dabei verwendeten, blieb das der Quadratschrift, das unter dem Namen des hebräischen bekannt ist. Ein Wochenblatt der bucharischen Juden, dasin Kokand in einem persischen Jargon erschien, war infolge seiner Schrift sofort als jüdische Zeitung erkennbar. Nicht die hebräische Sprache, sondern die hebräische Schrift blieb das verbindende Moment der Juden, und während gewisse an sich berechtigte, moderne Forderungen der Einführung der Lateinschrift für den deutsch-jüdischen Jargon sich nicht durchzusetzen vermochten, wurde die hebräische Schrift oft zur Schreibung deutscher oder anderer fremder Sprachen bei den Juden verwendet. Welches ist der Zusammenhang zwischen den Geschicken eines Volkes und seiner Schrift? - Diese Frage hat in einem ganz allgemeinen Umfange Mathias Mieses aufgeworfen und zu beantworten gesucht*). Was ist als Grundlage und Geisteskorrelat der Zugehörigkeit eines Volkes oder eines Volksteiles zu einem besonderen Schriftkreis anzunehmen? Wie sind die Faktoren zu klassifizieren, welche die gesonderten Alphabetverwendungsgemeinschaften unserer Zeit auseinanderhalten? Herrscht hier der Zufall oder besteht ein Kausalzusammenhang? Mieses trägt ein überreiches Material aus allen Kulturkreisen und Ländern zusammen, um zu beweisen, daß „die geschichtsbildende Macht der Religion, der Einfluß dieses spezifischen, nach eigenen psychologischen Normen wirkenden Ausschnittes der menschlichen Geistestätigkeit, das Rätsel der Schriftverhältnisse der Völker zu lösen geeignet ist", daß die Verschiedenartigkeit der Schrift ihren Ursprung nicht in ethnischer, sprach- *)Die Gesetze der Schriftgeschichte. Konfession und Schrift im Leben der Völker. Ein Versuch von Matthias Mieses. Wien, 1919. Wilhelm Braumüllers Verlag. .