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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 130

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Juden in Bulgarien
Date
1921-01-01
Page
130 (sequence 2)
Language
German
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130 Umschau: Berichte von jüdischem Leben lektualität des Westjuden. Es gibt weder große Taimudforscher noch Literaten. Der Grund dafür mag teils in der geschichtlichen Entstehung und Zusammensetzung dieser Judenheit, teils in der geistig wenig anregenden Umgebung des auch erst in jüngster Zeit zu geistigem Leben erwachten bulgarischen Volkes liegen. Dabei ist der bulgarische Jude völlig unassimiliert. Das nationale Gefühl im Volke ist stark und lebendig, vor allem in den kleineren Städten, aber auch noch in der Hauptstadt. Der Jude hat gesellschaftlich keine Fühlung mit dem Bulgaren. Er lebt in eigenen jüdischen Vierteln und es gibt erst sehr wenige, meist sehr reiche Familien, die außerhalb dieser Viertel wohnen. Diese jüdischen Viertel bieten oft noch ein eigentümlich-orientalisches Gepräge. Ebensowenig wie es eine gesellschaftliche Berührung zwischen Juden und Bulgaren gibt, gibt es eine politische und kulturelle. Während sogar in Rußland es Gelehrte, Schriftsteller, Politiker jüdischer Abstammung gab, die im russ'schen Leb an eine Rolle spielten, ist etwas derartiges in Bulgarien unbekannt. Es gibt dort keine markanten jüdischen Führer, weder in den bürgerlichen noch in den sozialistischen Parteien, keine Abgeordneten, keine Schriftsteller, keine Journalisten, keine Theaterdirektoren jüdischer Abstammung, die im bulgarischen Leben eine Rolle spielten. Der Jude fühlt sich in Bulgarien national als Jude und wird ebenso vom Bulgaren betrachtet. Eine irgendwie beachtenswerte Assimilationstendenz gibt es nicht und schwache Ansätze dazu sind spurlos vorübergegangen. Auch Taufe und Mischehe sind unbekannt. Es" dürfte in Bulgarien keinen Fall geben, wo ein Jude eine Bulgarin geheiratet hat, und nur etwa 10—15 Fälle, wo Jüdinnen Bulgaren zu Männern nahmen. Freilich kann sich das in der nächsten Generation bereits ändern und manche Anzeichen deuten auch darauf. Ein Maßstab dafür ist die Sprache. Die Sprache der bulgarischen Juden ist das Spaniolische, ein spanischer Dialekt, mit türkischen und hebräischen Sprachbestandteilen durchsetzt. In der letzten Zeit mischen sich auch bulgarische Worte mit den spanischen und die Sprache der jüngeren Leute aus den unteren Schichten in Sofia wird Immer mehr ein bulgarisch-spanischer Mischmasch. Die Schriftsprache selbst nähert sich viel mehr dem reinen Spanisch und ist dem mehrerer lateinischer Sprachen Kundigen meist leicht verständlich. Neologismen werden in der Schriftsprache nicht dem Bulgarischen, sondern dem Französischen unter Anhängung spanischer Endsilben entnommen. Im Druck bedient man sich für das Spaniolische der Raschischrift, auch besitzen die bulgarischen Juden eine eigene Kurrentschrift Jedoch bedienen sie sich stets der Quadratschrift und des aschkenasischen Kurrents, wenn sie hebräisch drucken oder schreiben. Die ältere Generation spricht fast nur spaniolisch, die mittlere beherrscht das Bulgarische vollständig, aber im intimen Verkehr ist es ausschließlich das Spaniolische, das sie bevorzugen, die Jugend, insbesondere die studierende Jugend, bevorzugt dagegen das Bulgarische und man findet nur wenige unter ihnen, die das Spaniolische so beherrschen wie das Bulgarische. Und die weitere Entwicklung wird leider wohl dazu führen, daß das Spaniolische schon in der nächsten Generation völlig verdrängt sein wird. Dies ist zu bedauern; denn nicht nur ist das Spaniolische eine schöne und klangreiche Sprache, die den Zutritt zum lateinischen Kulturkreis eröffnet, sondern sie stellt auch ein lebendiges Band mit der großen Vergangenheit auch für diesen versprengten kleinen Teil der spaniolischen Judenheit her und einigt die Juden Sofias mit denen Salonikis und Smyrnas. Auch droht mit dem Verluste des Spaniolischen in der jüngeren Generation der ganze Schatz an Folklore, an Volkssitten, Liedern, Sprüchen, Märchen und Bräuchen unterzugehen, der diesem Zweige des jüdischen Volkes eigentümlich ist und der spurlos und unaufgezeichnet verloren gehen wird. Noch wäre es Zelt für junge bulgarische Juden, die wenn auch ohne spezielle Vorbildung mit Liebe daran gingen, aus dem Munde der noch lebenden ältesten Generation wertvolles Gut zu sammeln und zu retten. Wie schnell das Spaniolische abstirbt, kann man aus folgender Tatsache ersehen: die jüdische Presse war in Bulgarien immer hoch entwickelt und seit der staatlichen Selbständigkeit des Landes erschien eine große Anzahl Zeitungen, von denen manche freilich nur ein sehr kurzes Dasein hatten. Aber während früher all diese Zeitungen nur spaniolisch erschienen und das erste Blatt in bulgarischer Sprache erst 1899 und nur für wenige Monate herausgegeben wurde, sind von den drei Zeitschriften, die es heute in Bulgarien gibt, nur eines, das offizielle Blatt der zionistischen Förderation, doppelsprachig (bulgarisch und spaniolisch), die zwei anderen, die insbesondere für die .Kulturbewegung unter der reiferen Jugend bestimmt sind, ausschließlich bulgarisch. Ebenso sind es die Mitteilungsblätter des Turnverbandes Makkabi und des Palästinakomitees in Rustschuk. Wenn auch die bulgarischen Juden im volkhaften Fühlen und im Zusammengehörigkeitsbewußtsein keinem andern Teil des jüdischen Volkes nachstehen, so sind sie doch interessanterweise nicht orthodox und nicht fanatisch. Wenn auch die religiösen Vorschriften beobachtet werden, so geschieht dies doch ohne Strenge, ohne Eifer und voll Duldsamkeit Die ältere Generation ist wohl frömmer, doch fehlt auch hier der

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