Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Juden in Bulgarien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 129 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben 129 BERICHTE VON JODISCHEM LEBEN Die Juden in Bulgarien. 1. Der Versuch einer Darstellung der Geschichte der Juden in Bulgarien wird dadurch erschwert, daß der polltische Begriff Bulgarien in langen Zeiträumen der neueren Geschichte nicht bestand; vom Ausgang des 14. Jahrhunderts an war das bulgarische Land nur ein Teil des Türkenreiches durch fünf Jahrhunderte und die Judenheit . in dieser Provinz ohne jede Bedeutung und völlig zurückgedrängt von den Judenschaften Konstantinopels, Adrianopels oder Salonikis. Zu der ganzen großartigen kulturellen Leistung des spaniollschen (sephardischen) Judentums hat sein bulgarischer Zweig nichts beigetragen. Dafür hat es den Anschein, als ob in allerjüngster Zeit gerade das bulgarische Judentum es wäre, das organisatorisch, politisch und im Versuche, sich modernen kulturellen Bedingungen anzupassen, alle sephardischen Judentümer überflügeln und die Brücke zwischen dem europäischen aschkenasischen Judentum und seinen südöstlichen Brüdern bilde. Beides mag seine Erklärung in der seltsamen Mischung finden, die das bulgarische Judentum darstellt und die uns klär wird, wenn wir seiner Geschichte nachgehen. Jüdischen Niederlassungen in dem Balkangebiete südlich der Donau begegnen wir bereits in der ersten römischen Kaiserzeit. Trajan gründete dort die Stadt Nicopolis mit einer jüdischen Kolonie, sein Nachfolger Hadrian wies seinen Statthalter in Sofia an, die Juden doch besser zu behandeln. Noch heute ist der Name Romano unter den bulgarischen Juden zu treffen; er kann ^freilich auch Juden bezeichnen, die später aus Italien zugewandert sind. Neben diesen Juden aus der ersten römischen Kaiserzeit fanden sich später zahlreiche neue Einwanderer aus Byzanz, griechische Juden, die die griechische Umgangssprache und griechisch-jüdische Sitten mitbrachten. Noch bis vor kurzer Zeit gab es in Sofia auch eine Gemeinde griechischer Juden. Unter den beiden bulgarischen Reichen werden die Juden häufig erwähnt In der damal'gen Hauptstadt des Landes, Tirnowa, wo es heute keine Juden mehr gibt, lebte zu jener Zeit eine starke Gemeinde. Der bulgarische Zar Iwan Alexander heiratete sogar im Jahre 1335 eine Jüdin seiner Hauptstadt, die Sara hieß und in der Taufe den Namen Theodora empfing. Sara, eine kluge energische Frau, verstand es, auf die Politik des Staates Einfluß zu gewinnen und ihrem Sohne Iwan Tschitschman neben den Söhnen des Zaren aus früherer Ehe die Nachfolge zu sichern. Diese Episode der bulgarischen Geschichte ist von bulgarischen Dichtern wie Anton Straschiminoff und Wasoff in dichterischer Form behandelt worden. Zar Iwan Tschitschman nahm 1397 die aus Ungarn vertriebenen Juden in Bulgarien auf, unter denen Rabbi Scholem aus Neustadt erwähnt wird, der sich in Widin an der Donau ansässig machte. Zu jener Zeit kamen auch noch andere aschkenasische und auch italienische Juden aus Venezien der lebhaften Handelsbeziehungen wegen ins Land. Nach 1492 ergoß sich der Strom der aus Spanien und Portugal auswandernden Juden in die Türkei und ein Teil ließ sich auch in Bulgarien nieder, wo sie, wie z. B. in Tatar Pasardschik neue Gemeinden gründeten. Unter ihnen kam auch ein Knabe, der später eine Leuchte in Israel werden sollte, Joseph Caro, mit seinem Vater Ephraim nach Nicopolls, wo er in zweiter Ehe die Tochter des dortigen Rabbiners Chajim heiratete und nach deren Tode die Tochter eines Talmudisten Zacharias Sachsel; 1520 verließ er Bulgarien, siedelte zuerst in Adrianopel und wurde der Verfasser des Schulchan Aruch. So setzte sich das Judentum in Bulgarien aus fünf verschiedenen Komponenten zusammen: altrömisch, griechisch, aschkenasisch, italienisch und spaniolisch. Letzteres als das kulturell stärkste gewann einen derartigen Einfluß, daß Spaniolisch die Sprache der bulgarischen Juden wurde und dass alle anderen Elemente neben dem spaniolischen verschwanden und in ihm aufgingen. Die aschkenasischen Juden, die es heute in Bulgarien gibt" und von denen noch die Rede sein wird, sind erst kürzlich ins Land gekommen. Unter türkischer Herrschaft war das bulgarische Judentum völlig bedeutungslos. Es ragte weder kulturell noch religiös noch politisch hervor. Erstseit Beginn des neuen (dritten) bulgarischen Reiches, seit etwa vierzig Jahren, begann die jüdische Bevölkerung dieses Landes aufzuleben und sie hat in diesen wenigen Jahrzehnten erstaunliche Fortschritte gemacht, 2. Nach einer Schätzung von 1917 gibt es in Bulgarien derzeit ca 55000 Juden, was einer starken Vermehrung entspricht, da die Jewish Encyclopedia 1902 (ohne das Jahr der Volkszählung anzugeben) die Zahl 29860 angibt. Sie leben in 28 Städten und bilden dort 31 Gemeinden (in Sofia, Rustschuk und Warna gibt es neben der sephardischen auch eine aschkenasische Gemeinde). Was dem Beobachter in Bulgarien zuerst an dem jüdischen Leben auffällt, ist der Mangel an kultureller Tradition und an hochgespanntem intellektuellen Leben. Intelligenz gibt es wenig und sie ist meist jung. Das in Osteuropa so verbreitete jüdisch traditionelle religiös-geistige Leben ist dort ebenso fremd wie die rege vielseitige Intel-