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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Psychologie des Karlsbader Kongresses
Date
1921-01-01
Page
127 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Zionismus und nationale Bewegung mußte, wie wir ihn kennen, wenn wir in unserer wohlvertrauten Sprache mit einem dieser Sprache ganz oder halb Unkundigen sprechen, wo wir in unserer Sprachbeweglichkeit gelähmt werden, da das hörende Ohr deren Rhythmus hemmt. Denn nicht das rhetorisch Dekorative litt, sondern das Psychisch-Influierende, die Verständigung, indem man wohl nicht ins Leere aber in eine Gehörschwere sprach, gerade also rethorisch Schönes an sich aufbringen konnte, schwer aber das Gefühl, zu wirken. Doch soll, wie gesagt, dies nicht allein und als Hauptzeichen der Sprachlosigkeit hingestellt werden, da es ein eklatanteres, weil auf ein Absolutes sich beziehendes, gibt: das Verhältnis zur hebräischen Sprache. Konnte in den früheren Kongressen ein stetiges Anwachsen der Geltung des Hebräischen wahrgenommen werden, so muß dieser Kongreß als ein Rückschlag bezeichnet werden, und dies trotz der Versicherungen der Kongreßstimmungsberichterstatter, daß „die Klänge der hebräischen Sprache Überall zu hören sind" und trotzdem — dies auch wahr war. Zweifellos waren die letzten Jahre günstig für die Verbreitung des Hebräischen (bezeichnend: trotz oder gerade wegen des Mangels an äußerlicher Begünstigung und an gutheißenden Deklarationen); statistisch festgestellt ist, daß die Mehrheit der Delegierten Hebräisch verstand (in der Minderheit der Nichtverstehenden war wohl das Gros — die Parteibeamten); sicher war, neben dem Jüdischen, Hebräisch (nicht Deutsch!) die meistverstandene Sprache auf dem Kongreß — und dennoch, dennoch fürchtete man gleichsam, sie über das Bloß-Demonstrative in die Region der Wirklichkeit, des wirklichen, einzigen, notwendigen Verständigungsmittels zu erheben. Fürchtete, so muß man sagen, um nicht einen allzuschweren Vorwurf erheben zu müssen gegen jene Palästinenser und eingeschworenen „Hebraisten", die plötzlich dieser Sprache untreu wurden und sich bedienten eines schlechten Deutsch, ja sogar eines schlechten Jüdisch 1 Es muß wohl nicht gesagt werden, daß es hier nicht um den Demonstrationswert geht; gerade dieser wurde genügend berücksichtigt: die feierliche Eröffnung (allerdings, wie erzählt wurde, nicht ganz mit Willen der Führer), die Kulturdebatte, schließlich auch der obligate fromme Sympathiebeschiuß zur Verpflichtung der Beamten, kurz alles was dazu gehört. Hier geht es ja um das viel Wichtigere, um jene unklare Scheu vor einem unsichtbaren Wirklichen, die den Kongreß beherrschte und in dieser Erscheinung nur ihren krassesten Ausdruck fand; jene Scheu etwa vor den „breiten Massen" in abstracto oder vor dem Unverständlichsein in vitalen Fragen, die unbegründet ist, und daher, wie sehr sie sich auch auf eine Wirklichkeit berufen mag, eben wegen der Verkennung des nahen Wirklichen, zu Unwirklichkeit führt. So nun würde die einzige Realität, die wir besitzen — von niemand bestritten oder bestreitbar, von keiner Großmacht bestätigt und von keinem Völkerbund approbierbar — nicht dazu erhoben, Bewußtsein und Steigerung zu werden. ♦ Und so mußte es diesem Kongreß passieren, daß er beinahe ins Leerlaufen geriet und sein Organismus von einer verhängnisvollen Widersprüchlichkeit bedroht wurde. Es seien nur zwei Momente erwähnt, die aber Wesentliches in Vitalität und Konstruktion betreffen. Zunächst die Kommissionierung. Es war dies ein Versuch, von der schlechten Akustik des Plenums in die engere, aktionsfähigere, der ersehnten Sachlichkeit nähere Kommission zu flüchten. Dieser Versuch, an sich berechtigt — da er ausging auf die Ausschaltung oder mögliche Reduktion des Massenmeetinghaften am Kongreß, des Zufälligen, das der Meinungsbildung einer so zusammengesetzten Körperschaft wesentlich anhaftet — muß aber als fehlgeschlagen bezeichnet werden, da das Grundübel des Plenums sich auf die Kommissionen mitverteilte. Da der springende Punkt nicht das Zuviel des Plenums sondern ein Zuwenig an Realität war, ergab es sich nur natürlich, daß dieses Zuwenig, weil prinzipieller Natur, in den Kommissionen weiter fortgähnte, sich in Worte ausredete, nur von noch geringerem Gehalt an echtem Pathos, das die Worte, wenn nicht inhaltschwerer so doch mächtiger erklingen zu lassen vermöchte. Kultur ohne natürlichen Nährboden und ohne Budget, Budget ohne Finanzen, Finanzen ohne Stabilität, Kolonisation ohne Sicherheit, Exekutive ohne Exekutionsmacht, Politik ohne greifbare Tauschobjekte, Legionsgelüste ohne ethische, materielle und juristische Möglichkeit — was vermögen hier noch so kleine, intime, homogene Kommissionen auszurichten? Jede Kommission war ein kleiner Kongreß, nur ohne das Imposante; denn das Nurreden war ein prinzipielles, in der Natur der Lage begründetes. Dies das erste Uebel, die Worthaftigkeit, und dessen erste Folge. Das zweite aber, das paradoxerweise aus dem ersten zu folgern ist, die Sprachlosigkeit, machte sich fühlbar in einem anderen Moment, das auch das Innerste der Kongreßorganisation betrifft: der Frage der Landsmannschaften. Nichts war klarer als die Unsinnigkeit von deren Existenz und doch — nirgends ging es natürlicher, unmittelbarer zu als in ihnen. Unsinnig war ihr Fortbestehen auf diesem Kongreß, da sich in ihm die drei Hauptrichtungen — die Arbeiterparteien, Misrachi und die „Allgemeinen" — herauskristallisierten und auf prinzipiell geschlossener Basis*wirkten; unsinnig, wiewohl man die Notwendigkeit der getrennten Landeso rganisationen aus taktischen Gründen zugeben muß, und daher schädlich, wie jede

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