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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 128

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Psychologie des Karlsbader Kongresses
Date
1921-01-01
Page
128 (sequence 3)
Language
German
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128 Umschau: Frauenfragen Sondergruppierung, wenn sie nichts Prinzipielles als Einigungsgrund hat, einen Einschlag ins Personenpolitische, ins Intrigenhafte erhalten und vom Wesentlichen abrücken muß. Diese Existenzunberechtigung war einem jeden klar — wurde ja auch in der Zusammensetzung des neuen Aktionskomitees, ausgedrückt —, aber ebenso klar war es jedem, der die Landsmannschaften ansah, daß gerade hier, in diesen Tagungen, mehr Atmosphäre war als in manchen Fraktionen, mehr Zusammenarbeit und zielbewußte Präzision, mehr Verständigung. Dieser Widerspruch ist von aufschlußreicher Bedeutung, da es sich hier nicht um eine Nähe der gemeinsamen lokalen Herkunft oder mitgebrachter persönlicher Beziehungen handelt — dies wäre eher ein Grund fürs Gegenteil; Beweis: die verschiedenen Landeskonferenzen zu Hause — sondern es war hier mehr von dem Gefühle, das in der Fremde sich begegnende Landsleute haben, die sich durch die Gemeinsamkeit der Fremdheit näher werden als zu Hause. Warum waren sie nicht alle im ganzen Kongreß „zu Hause"? Und warum konnte man's gerade innerhalb der Fraktionen, dieser idell geschlossenen Gruppen, wahrnehmen, daß ihre Verhandlungen oft über Verständigungshindernisse fortstolpern mußten? Drängt sich da wiederum nicht die Notwendigkeit auf, dies alles auf das Sprachliche — schon nicht zu sagen: auf die Sprache — zurückzuführen? Darauf zurückgeführt, wird uns dies Unnatürliche in den Gruppierungen des Kongresses verständlich und auch, wie dieses weiter Ursache wird zu so manchem Un- und Widersinnigein In wesentlichen, sachlichen und persönlichen Fragen. * In dieser schwersten aller Stunden Kritik am Labilen zu üben ist so leicht, daß man es sich wahrhaftig nicht leicht machen soll. Doch reicht ein Querschnitt — auch wenn er schmerzlich ist — viel näher an den Kern, als alle abglättende Preisung. Was ist, soll gesagt werden; das weiß gerade, wer daran glaubt, daß die Tribüne richtende Kraft hat für die Werkstatt. Z. Diesendruck. FRAUENFRAGEN Helene Hanna Cohn: Frauenfragen in Palästina (Jüdischer Verlag Berlin 1921), In dieser kurzen, streng sachlichen Schrift wird in sehr konkreter Weise die Frauenfrage von Palästina behandelt und im Grunde — über den Plan der Verfasserin hinaus — die Frauenfrage aller Länder und Völker. Denn alles Wesentliche, was hier erörtert wird, gilt gleicherweise für überall. Hanna Cohn zeichnet die drei wesentlichsten jüdischen Frauentypen der Gegenwart: „die unsoziale Spießbürgerin, die dem Hetärentum zustrebende Weltdame und die proletarische oder bürgerliche. Intellektuelle**, nennt sie Entartungserscheinungen, die durch Erschlaffung der Herzenskräfte und der Willenskräfte entstanden sind, und mahnt die Frau, statt fanatische Vertreterin einseitiger Ideologien wieder wirkliche Mutter des Volkes zu werden. In der Intellektualisierung der Frau sieht sie kein notwendiges Durchgangsstadium (überhaupt fehlt in dem Buch jedes Eingehen auf historisch Bedingtes auf geistigem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet), sondern nur eine Krankheit, eine verhängnisvolle Abirrung gegenüber der impulsiven Herzenswärme früherer jüdischer Frauengenerationen. Die von Hanna Cohn interpretierte Forderung der Gemeinschaft an die Frau heißt nicht organisatorisches oder politisches oder wissenschaftliches Wirken in der Oeffentlichkeit, sondern Wirken in kleinem Kreis, in Haus und Familie; doch dieses Wirken soll getragen sein von wachem Verantwortungsgefühl gegen die Allgemeinheit und die Arbeitsmetode beherrscht von den Gesetzen einer rationellen Volkswirtschaft. Zur Heranbildung solcher Frauen entwirft die Verfasserin ein eingehendes Mädchenschulprogramm, das sowohl die wissenschaftliche Gymnasialbildung wie die ästhetischdilettantische höhere Töchterbildung ablehnt und an ihre Stelle die Arbeitsschule setzt als beste Vorbereitung für jede Frau und ganz besonders für die Frau des Koloniallandes Palästina und als Mittel, eine andere Einstellung zur Wirtschaftsarbeit und jeder Arbeit zu bewirken. Dem gleichen Zweck und zugleich zur Erleichterung des schwer belasteten palästinensischen Haushalts soll das obligatorische Arbeitsjahr dienen, das die solcherweise vorgebildeten Mädchen als Trägerinnen des neuen Arbeitswillens in fremden Haushaltungen verbringen sollen. Hanna Cohn Übt eine scharfe, und richtige Kritik an der gegenwärtigen jüdischen Frau. Diese Kritik und die Herausarbeitung der Typen bedeutet schon Wertung und läßt ein Ziel erkennen. Den Weg zum Ziel zeigt das klare, praktische Programm zur Heilung der erkannten Schäden. Die Ausführung dieser Vorschläge ist aul das dringendste zu wünschen und würde unabsehbar viel zur Hebung des wirtschaftlichen wie des rein menschlichen Daseins beitragen. Aber wenn die neuen Schulen und das Dienstjahr das bewirken sollen, was von ihnen erwartet wird, müssen sie von einem neuen Geist schon erfüllt sein. Und von wo soll dieser kommen? Reformen und guter Wille allein bringen ihn nicht. Nur aus tieferen Schichten als den in diesem Buche berührten kann Heilung kommen. Man "fühlt in dem Buch nicht die Erschütterung des Begreifens schicksalhafter Ursachen, aber man fühlt einen klaren, mutigen Willen. Berta Lask

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