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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 126

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Psychologie des Karlsbader Kongresses
Date
1921-01-01
Page
126 (sequence 1)
Language
German
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UMSCHAU ZIONISMUS UND NATIONALE BEWEGUNG Zur Psychologie des Karlsbader Kongresses Ob dieser Kongreß auch gut war, um sich der abschliessenden Charakteristik seines Präsidenten zu bedienen, oder bloß schwer, möge dahingestellt bleiben, wenn man seine Grundtatsache berücksichtigt: daß er wohl jetzt seinen Charakter als reines Parlament, als Redeinstitution, am deutlichsten offenbaren und an dessen Unzulänglichkeit am meisten leiden mußte. Paradox formuliert: er war gut, da und insofern er wußte, daß er es nicht ist. Denn er wußte es; der zwölfte ist der erste geworden eines gewonnenen Bewußtseins, wie fern sein legislatorisches Wollen von der Vollbringung, wie sehr seine proklamatorlsche Funktion an autonome, oft widerstreitende, ja verhängnisvolle Objektivitäten gebunden worden ist. Und solange er aus einer reinen Idee heraus und für sie zu werben hatte, mochte der Ausdruck dieser Idee befriedigender Selbstzweck sein, jetzt aber, an Wirklichkeit verschrieben, an fremde, nicht aus eigener Verwirklichung hervorgegangene Wirklichkeit, jetzt verblaßt alles Ausdrücken vor dem Ausführen, das not tut. Ein und dieselbe nichts- und allessagende „Heimstätte" steht anders im Basler Programm als in einer englischen Deklaration: dort, umstrahlt von aller wahren innersten Sehnsucht, dem Herzen alles gebend, hier eingezwängt in einen eisernen Ring von Gegebenheiten, wenig, ach sehr wenig enthaltend. So nun, aus jener Atmosphäre durch die „Erfüllung" herausernüchtert, in die gefestigte Stellung aber des Erfüllten, einer Wirklichkeit, noch nicht gelangt, in diesem Zwielicht eines Programms, das zur Deklaration geworden ist, an dieser Biegung des Weges mußte einem Kongreß eine gleichsam sich aufhebende Erkenntnis aufgehen, die Erkenntnis, daß jetzt schweigend viel zu tun ist, er aber nur viel, und immer mehr reden kann. Und muß! Denn daß er sich nicht „überlebt" hat — ein Ausdruck übrigens, der, wie die „Moderne", nur Menschen angehören kann, die die Strenge der Alternative von Leben und Tod nicht kennen und nicht wissen, daß, was nicht abgestorben ist, sich auch nicht überleben kann — daß er die Bedeutung gerade dieser Stunde sich laut zurufen muß, das war ihm ebenso klar notwendig. Und so mußte er, In seiner Zwiespältigkeit, schwer sein; konnte er auch „gut" werden? Da er nur Taktik macht, mag sein Takt in so manchem gelobt sein; genügt aber Taktik im Momente des Nahkampfs? In einem Moment, da Budget und Leitung, Statuten und Resolutionen, alles was früher auszufüllen vermochte, nun in seiner Bedeutung zusammenschrumpfen mußte vor einem einzigen Telegramm, das einlangen konnte von drüben, von „oben", aus jener Tatsachenwelt, an die wir hart geraten sind? Innigkeit und Wahrhaftigkeit, alle Wert- und Inhaltskriterien sind unangebracht bei einem Miteinandersein unter einer Damokles-Realität, bei dem es gilt auszuschauen, in die Ferne hinzuhorchen, was draußen, in der von uns unabhängigen mächtigen Welt, für oder wider uns geschieht. Jawohl, mit der Deklaration sind wir in die große Politik eingezogen, hineingezogen: der Raum ist geweitet, aber die Ruhe ist dahin. * Diese Grundtatsache aber setzte sich auch ins Einzelne, ins Psychologische um, verblieb nicht nur eine höhere Erkenntnis, sondern wurde zum Gefühl, das den Kongreß beherrschte und ihn selbst ungläubig machte. Es lastete fast auf jedem Einzelnen das Verurteiltsein zum Worthaften, verbunden mit dem gleichzeitigen Bewußtsein, daß eben Worte nichts taugen. Und so ist es kein Wunder, daß ihm entschwunden ist einer seiner wesentlichen Inhalte, die er hätte wenn auch nicht geben so doch manifestieren können: die Sprache. Vor lauter Worten . verlor er die Sprache. Damit sei nicht allein an die Tatsache gedacht, daß auf diesem Kongreß alle mit Recht oder Unrecht berühmten Redner den Tiefstpunkt ihres Könnens erreicht haben. Eine Erscheinung, die sicher erfreulich wäre, wenn sie bedeutet hätte ein Zurücktreten des Oratorischen vor dem Aktiven, des Ornamentalen vor einer Wirklichkeitsmassivität, die aber bedenklich wird bei Erkenntnis deren wahrer Ursache: daß es nämlich eine; Art taube Atmosphäre gab, die im Redner einen psychischen Zustand erzeugen

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