Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Samuel Rappaport: Falle, auch den Puls an beiden Händen abzulecken und nach dem Ablecken eines jeden Pulses gleichfalls drei Mal auszuspucken. In manchen Gegenden ist es ebenso Brauch, zur Bekämpfung einer bereits auftretenden Wirkung eines bösen Blicks mit dem Hemdzipfel des Erkrankten dessen Gesicht dreimal zu bestreichen und nach jedem Bestreichen weithin vor sich zu spucken. Fingerspitzen, Pulsadern und Gesicht sollen vorzüglich der Sitz dämonischer Kräfte sein. Chassidische Legenden wissen zu erzählen, daß so mancher aus dem Besessenen durch den Zaddik herausgejagter „Dibbuk" — sündige herumirrende Seele, die einen Menschen befällt und in seinem Körper einen Ruhesitz sucht, ihm aber viele Leiden verursacht — seinen Ausgang durch die Fingerspitzen, Puls oder Stirn genommen hat Obigen Bräuchen scheint die Vorstellung zugrunde zu liegen, daß durch das Belecken von Fingerspitzen und Pulsadern, bezw. Bestreichen des Gesichts wie durch das nachherige Ausspucken die an diesen Stellen sitzenden dämonischen Kräfte gleichsam aufgefangen und durch das Ausspucken unschädlich gemacht werden. Ein Gähnen des Erkrankten nach vorgenommenem Kohlenlöschen, wobei er natürlich wie immer beim Gähnen von allen Anwesenden dreimal leicht angespieen wird, wird als neuerliche Bekräftigung der Tatsache angesehen, daß hier ein böser Blick gewaltet habe, doch wird jetzt, nach vollzogenem Kohlenlöschen, das Gähnen sowie eine sich einstellende Müdigkeit und Verlangen nach Schlaf, was nach der ermattenden und aufregenden Prodezur des Kohlenlöschens bezw. Absprechens leicht begreiflich ist und sich auch sehr oft einstellt, als Symptom angesehen, daß die Macht des bösen Blicks gebrochen sei und der Erkrankte sich bereits auf dem Wege der Besserung befinde. In niederen unwissenden Kreisen wird mitunter bei einer vermutlich infolge eines bösen Blicks eingetretenen Erkrankung, falls keine jüdische Person zu finden ist,' die das Kohlenlöschen vornehmen sollte, auch eine christliche Person mit dessen Vornahme betraut. Im ostjüdischen Ghetto sind sehr oft christliche Frauen, etwa eine ältere christliche Magd irii Haus, die viele Jahre bei jüdischen Familien bedienstet war, oder sonst eine Frau, die lange unter Juden gelebt hat und durch öfteres Zuschauen das Kohlenlöschen, wenn auch nicht die es begleitenden hebräischen bezw. jiddischen Sprüche erlernt hat, zu finden. So eine christliche Frau, die sich auf das Kohlenlöschen versteht, ist nicht wenig auf ihre Kunst stolz — sie verstehen sich oft auch zugleich auf das Kartenlegen, was aber in den frommen ostjüdischen Kreisen streng verpönt und nie benutzt wird — und nehmen ihre Handlung mit tiefem Ernst vor. Mit demselben Ernst folgen auch die Anwesenden der Vornahme eines solchen Kohlenlöschens, obgleich dabei selbstverständlich gar keine frommen Sprüche gesagt werden. Ein früher sehr beliebter, wenn auch in den letzten Jahrzehnten schon selten gewordener Brauch bei plötzlicher Erkrankung ist das sog. „Wachsgießen". Es geschieht folgendermaßen: In einem Löffel oder irgendeinem kleinen Gefäße wird über dem Feuer ein Stück Bienenwachs zum Schmelzen