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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
119 (sequence 11)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 119 daß der Erkrankte kurz vorher mit jemand gesprochen hat oder von jemand gesehen worden ist, der seines bösen Blickes wegen verrufen ist, dann erscheint die Ursache der Erkrankung so gut wie sicher, und der Urheber wird mit einem Fluch, „die Augen sollen ihm heraus" bedacht. Es gibt Leute, die wegen ihres bösen Blicks stadtbekannt sind, und vor denen jeder, der diese ihnen anhaftende böse Eigenschaft kennt, sich sehr in acht nimmt. Während die Kohlen aus dem Feuer genommen und ins Wasser geworfen werden, verhält sich diejenige Person, die die Prozedur vornimmt, indem sie die Gedanken auf den Zweck der Handlung konzentriert, ruhig und schweigsam und murmelt ganz leise vor sich irgend einen sonst zur Beschwörung eines bösen Blickes üblichen Spruch hin. Kaum sind alle Kohlen ins Wasser geworfen, blicken alle Anwesenden gespannt und neugierig nach deren Lage - und erwarten nun das Urteil desjenigen, der das Kohlenlöschen vorgenommen hat. Aus der Lage der Kohlen im Wasser glaubt man im allgemeinen folgendes feststellen zu können: Sind alle oder die meisten Kohlen am Boden des Glases liegen geblieben, dann hat man es mit einem „schweren ajin hara" zu tun; ist bloß ein geringer Teil zu Boden gefallen, während die meisten Kohlen zur Oberfläche emporgeschwommen sind, dann war der ajin hara ein „leichter" d. h. die Wirkung des bösen Blickes ist eine leichte und bald vorübergehende; schwimmen aber sämtliche Kohlen zur Oberfläche empor, dann scheint überhaupt kein böser Blick vorzuliegen und die eingetretene Erkrankung muß auf andere Ursachen zurückgeführt werden. Wird nun nach der Lage der verlöschten Kohlen festgestellt, daß hier die Wirkung eines bösen Blicks vorliegt, dann nähert sich die kohlenlöschende Person mit dem Wasser, in dem sich die verlöschten Kohlen befinden, dem Erkrankten. Dieser schlürft dreimal hintereinander etwas Wasser aus dem ihm dargereichten Glase, darf aber das Wasser nicht herunterschlucken, sondern spuckt es jedesmal wieder in das Glas zurück; hierauf benetzt die kohlenlöschende Person mit dem Wasser aus diesem Glase Augen, Schläfen, Brust sowie die Pulsadern an beiden Händen und mitunter auch den Rücken des Erkrankten. Nun wirft sie unter stiller Hersagung mancher Sprüche, wie z. B. der oben angeführten, die aus dem Wasser gehobenen Kohlen in alle vier Ecken des Zimmers. Mit der Wegschüttung des Wassers ist die Prozedur des Kohlenlöschens beendet. In manchen Gegenden ist es auch Sitte, selbst wenn kein Kohlenlöschen vorgenommen wird, daß der vom bösen Blick Getroffene zur Paralysierung der Wirkung sich die Spitzen seiner Finger an beiden Händen ableckt und dabei jedes Mal ausspuckt*). Ebenso ist bei manchen Brauch, in solchem *) Bei den Sephardim in Palästina herrscht der Glaube, daß Finger die Macht hätten Krankheiten, die durch bösen Blick entstanden, abzuwenden. Auf vielen Häusern in Palästina sieht man noch heute an der Außenwand eine Hand mit gespreizten Fingern, groß und sichtbar gemalt, dies, wie man mir dort gesagt hat, zur Abwehr eines bösen Blickes von den Einwohnern des betreffenden Hauses. Siehe übrigens: Löw, „Die Finger" im Gedenkbuch zur Erinnerung an David Kaufmann, Seite 77.

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