Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 121 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106469--4881-3106539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus. dem religiösen Leben der Ostjuden 121 gebracht und sodann in ein über dem Kopfe des Kranken gehaltenes mit kaltem Wasser gefülltes Gefäß mit einem Guß geschüttet. Aus den auf der Oberfläche des im kalten Wasser erstarrten Wachses entstandenen Linien und pittoresken Figuren glauben manche Herkunft, Wesen und mitunter auch Ausgang der Krankheit zu lesen. Zum Wachsgießen gibt es besondere Spezialisten und es setzt keine geringe Gewandheit und Uebung voraus, da es nicht leicht ist, aus den verworrenen Linien und ebenso mannigfaltigen wie eigenartigen Figuren, die plötzlich auf der Oberfläche des Wachses zum Vorschein kommen, die Krankheit richtig zu deuten und zu beurteilen. Das Wachsgießen wird zumeist von Juden, aber auch, wenn auch selten, von Nichtjuden — in der Regel Frauen — vorgenommen. Beschwörungsformeln oder Sprüche werden dabei nicht gesagt und das Wachsgießen gilt überhaupt, ebenso wie die Vornahme des Kohlenlöschens durch einen Nichtjuden, bloß als profaner Brauch und keineswegs als fromme Segulla. Im Gegensatz zum Kohlenlöschen bedeutet das Wachsgießen nie eine Abwehr sondern hat ausschließlich die Feststellung der Ursache, Art und Dauer und mitunter auch* des Ausgang« der Krankheit — der natürlich stets als günstig angesehen wird — zum Zweck. Ebenso wie die Vornahme des Kohlenlöschens durch Nichtjuden wird das Wachsgießen ausschließlich in den niederen und unwissenden Kreisen geübt. Sehr oft bleiben die in Fällen plötzlicher Erkrankung angewandten verschiedenartigen Segullot nicht ohne günstigen Erfolg. Die Macht der Suggestion, unterstützt von kindlich naiver Gläubigkeit, wirkt hier oft Wunder. Man sieht mitunter, wie verfärbte, einer schweren Ohnmacht nahe Erkrankte, die über -schweres Unwohlsein, Köpfschmerzen u. dgl. klagen, sich bald nach vorgenommenen Kohlenlöschen plötzlich aufheitern und unter Wiedergewinnung der früheren normalen Gesichtsfarbe bald gesunden. Solche plötzlich Erkrankte erklären dann, sie seien wie von einem schweren Alpdruck befreit und fühlten sich nun wieder ganz wohl. Manchmal verfallen die Erkrankten nach dem Absprechen bezw. Kohlenlöschen, nachdem sie erleichtert aufgeatmet haben, unter Gähnen in einen tiefen Schlaf, aus dem sie gesund erwachen und, als ob nichts geschehen wäre, ihren normalen Geschäften wieder nachgehen. Heft 2 9