Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 117 (sequence 9)
- Language
- German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 117 Die hier erwähnte Begegnung Eliahus mit Aschtribu erinnert lebhaft an die Legende vom Zusammentreffen der guten Engel Sani, Sansani und Samangalof, mit der das Leben der Wöchnerinnen und neugebornen Kinder gefährdenden Lilit. Die augenscheinlich jüngere Aschtribulegende scheint bloss eine Variierung der Lilitlegende zu sein. Gewichtigen kabbalistischen Ratschlägen gemäß wird beim Absprechen eines bösen Blicks von manchen — aber nur von Männern — auch folgende, angeblich „erprobte und bewährte" Prozedur vorgenommen: Eine Schüssel wird mit reinem Zimmerwasser gefüllt in die Nähe des Kranken gestellt und über sie gebeugt sagt man die Bibelverse Genesis 49,22. Exodus 15,1. und Numeri 21,17-19. ganz still und in sich gekehrt je sieben Mal her. Nach einer kurzen Pause wird unhörbar leise aber energisch wie beschwörend gesagt: „ Mazpiel Pazpazjah, auf daß du diesen Zauber oder bösen Blick unwirksam machst! (Pazpazjah ist ein guter Engel, der nach der Meinung der jüngeren praktischen Kabbala die Verdienste des jüdischen Volkes vor den Thron Gottes bringt. Insbesondere am Rosch ha-schanah trägt er sie beim Schofarblasen vor das himmlische Gericht, um sie dort, dem Satan zum Trotz, als Gegengewicht gegen die im Laufe des Jahres begangenen Sünden und Vergehungen in die Wagschale zu werfen.) Nach dem Hersagen obiger Sprüche schluckt der Erkrankte etwas Wasser aus der Schüssel, wobei auch ein wenig davon auf sein Gesicht gespritzt wird. Der Rest des Wassers wird hierauf auf die Straße getragen und an einem Scheidewege ausgeschüttet. Die leere Schüssel wird sodann unter das Bett des Erkrankten gestellt, womit die Handlung beendet erscheint. Sehr verbreitet ist noch heute das sogenannte „Kohlenlöschen" beim Absprechen eines bösen Blickes.. In den Volksmassen meint man, daß in glühenden Kohlen mitunter Dämonen und auch strafweise umherirrende sündige Seelen wohnen.' Ist doch das Feuer das furchtbare Instrument des Gehinnom, das sog. „Esch schel Gehinom". Wenn mitunter aus den glühenden Kohlen des Teekochers (Samowar) ein dünner, einem leisen Wimmern ähnlicher oder wie man sagt „singender" Ton vernehmbar wird, meinen manche, daß dies die Wehklage der in die glühenden Kohlen gesperrten böser Geister oder sündiger Seelen sei. Atemlos und mitleidsvoll lauschen Kinder dem gedämpften aber furchtbaren, der Glut des Kochers entsteigenden Jammern der ihre Sünden in solcher Pein büßenden Seelen. Schon die alten Völker meinten, daß das Feuer in einer Beziehung zu Dämonen stehe, und sogar, daß es die Macht habe, böse Geister und deren Macht zu bannen (Die Religion in Geschichte und Gegenwart Band II Seite 520). Im Mittelalter scheint man unter den deutschen Juden geheimnisvolle Deutungen aus glühenden Kohlen und deren Verlöschen gelesen zu haben. So z. B. eifert R. Jehudah ha-Chassid (zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts *) Ebenda Seite 271.